Narzissmus ist keine bürgerliche Tugend

imageDie NZZ gibt bekannt, dass Claudia Wirz, Redaktorin, künftig in einem freien Auftragsverhältnis zur Zeitung stehen werde. Das macht Hoffnung, dass man die Frau mit dem Wuschelhaar künftig nicht nur weiter dort lesen kann, sondern dass sie auch anderweitig  publizieren, vielleicht sogar ein Buch schreiben wird. Man würde es gerne lesen. Wirz schreibt so munter und gut und witzig und intelligent wie wenige in der Schweiz. Ihr “Abschiedsartikel”, “Das Land wo die Neurosen blühn”, ist dafür ein gutes Beispiel. Hier ein Zitat:

Die Doktrin der politischen Korrektheit erlaubt keine Kompromisse. Sie auferlegt dem Staat, nicht nur jede Lebensweise und jedes Bedürfnis zu respektieren, sondern sie auch gebührend zu unterstützen. Ein gutes Geschäft, ja eine regelrechte Industrie tut sich da auf. Mit den Ansprüchen und den Anspruchsgruppen wachsen auch der Staat und die ihm zugewandten Orte. Kritisches Hinterfragen ist verboten. Beispielhaft zeigt sich das anhand der Familienpolitik. Noch nie war die Familiengründung so frei von Zwängen wie heute. Das ist schön und urliberal. Aber freie Entscheide sind nicht nur schön, sondern auch anspruchsvoll. Sie implizieren die Bereitschaft, die Konsequenzen des eigenen Tuns selber zu tragen. Freiheit heisst immer auch Verantwortung. Doch das hat nicht nur die «Generation Selfie» verlernt. Man hält sich gerne alle Optionen offen, der korrekte, fürsorgerische Staat kann nicht anders und wird schon herbeieilen, um die Risiken abzufedern, wenn’s zum Beispiel mit der innerfamiliären Solidarität knapp wird. Und so werden die Leistungen der staatlichen Kundendienstzentrale laufend ausgebaut, und das Personal wird aufgestockt.

Natürlich gab es gleich Proteste und Artikel, die das Gegenteil behaupteten. Die guten Menschen fühlten sich verletzt und missverstanden. Nur leider können sie alle nicht annähernd so gut schreiben. Selbst wenn sie recht hätten, kann das nicht interessieren.

Artikel Wirz