Archiv für den Monat Februar 2017
Piketty: Produktivität in Deutschland und Frankreich
Pikettys Bestseller über den Kapitalismus und seine fatalen Mängel habe ich nicht gelesen und über seine Schlussfolgerungen – massive steuerliche Mehrbelastung der Superreichen – bin ich nur oberflächlich orientiert. Hege aber eine instinktive Skepsis. Gelesen habe ich dafür seinen Blogbeitrag bei LeMonde mit einer Analyse der Produktivität und ihrer Entwicklung in einer Reihe von Ländern und insbesondere einem Vergleich von Deutschland und Frankreich, der überaus interessant ist und jede Menge an Fragen aufwirft. Piketty definiert Produktivität schlicht aus der Division von Sozialprodukt und Anzahl geleisteter Arbeitsstunden. Über die Mängel der Definition ist er sich im klaren, hat aber Einwände gegen die näherliegende Definition als Quotienten aus Volkseinkommen und Arbeitsstunden.
Was auffällt, ist ab 2000 das Wegbrechen von Italien und Grossbritannien und der anhaltende Gleichschritt von USA, Deutschland und Frankreich. Was ist da passiert? Was ist in Italien geschehen? Ich vermute, hier machen sich erstmals und dramatisch die Konsequenzen des Euros bemerkbar, was P. als Anhänger der Einheitswährung wohl nicht sehen will. GB fällt ab ca. 2008 zurück, auch ohne Euro, während Frankreich im Gleichschritt mit den USA und D vorwärts marschiert. Wie ist das zu interpretieren?
Noch auffallender, wenn man die Zahlen akzeptiert, ist die Tatsache, dass USA, D und F gleichauf liegen, I und GB hingegen weit hinter den USA als Massstab zurückfallen. Das ist der selbe Tatbestand wie in der ersten Grafik, mit anderer Optik und den USA als Massstab.
Was Piketty besonders stört, ist das tiefe Konsum und Investitionsniveau in Deutschland, das deutlich von allen Vergleichsländern abweicht. Wo gehen dann aber die Ueberschüsse hin? Der deutsche Staat hat sich bis ca. 2015 stets weiter verschulden müssen, die Realeinkommen in Deutschland haben nicht wesentlich zugenommen. Sind sie bei den Unternehmen gelandet?
Und das geht einher mit enormen Exportüberschüssen in Deutschland. Piketty kommentiert:
After unification, the German governments were very afraid of a drop-off in the competitiveness of the German production site‘. They adopted wage-freeze policies to increase productivity and they probably went too far in this direction. At the same time, the entry of Central and Eastern European countries into the European Union enabled German firms to achieve an increased and highly advantageous integration with these new countries. This can be seen in particular with the explosion of the general level of imports and exports, which were very similar to the level in France in 2000 (close to 25%-30% of GDP) and which in 2015 rose to 40%-45% of GDP in Germany (as compared with 30% in France; see the graph above).
This all led to a trade surplus which was doubtless not entirely foreseeable and is in large part due to contingent factors. In its own way, it is an illustration of the strength of the economic forces at play in globalisation which public authorities have not yet learnt to regulate correctly.
Shiva–Paris und Riehen
Links der Shiva, gekauft Ende November in Bombay, gegossen gemäss Händlerangabe in den vierziger Jahren des letzten Jahrhunderts, rechts der Shiva im Musée Guimet in Paris, ca. 12. Jahrhundert. Die Position ist dieselbe. Die Höhe, ca. 50 cm, ist ebenfalls fast gleich. Sie stammen beide aus der Gegen des heutigen Tamil Nadu. Die alte Bronze stammt aus dem Chola Reich.
Mein Shiva hat nicht die selben, selbstverständlichen und überzeugenden Proportionen wie jener aus Paris. Der Kopf scheint etwas in die Länge gezogen, die Beine zu schlank. In der Realität sieht der Riehener Shiva aber besser aus als der Pariser.
Das Guimet hat eine kleine, aber exquisite Sammlung an Chola Bronzen, aber aufgestellt sind sie sehr ungeschickt. Es handelt sich ausschliesslich um Rundplastiken, sollten also von allen Seiten einsehbar sein. Aber die Ausstellungsverantwortlichen haben es in der Tat fertig gebracht, einzelne Vitrinen direkt an die Wand zu stellen oder so nahe nebeneinander, dass nur die Front gut einsehbar ist.
Twombly im Centre Pompidou
Das Centre Pompidou beging am 4. Februar 2017 sein 40jähriges Bestehen (!). Es hat den Test der Zeit nicht bestanden. Es altert schlecht und wirkt altmodisch, aufdringlich und seine Architektur ideologisch motiviert. Es sprengt die Dimensionen des Viertels.
Im fünften Geschoss die Sonderausstellung Twombly mit Werken aus allen Schaffensphasen, darunter die grossformatigen letzten Bilder mit ihrem expressiven rot/gelb.
Die frühen Arbeiten sind weniger als definitive Werke sondern vielmehr als Prozesse des Suchens, Entwerfens, sich Vortastens zu lesen. Und bei aller Intellektualität eine kindlich anmutende Naivität vermuten lassen, mit einer stets gleichbleibenden Handschrift. Woher die Attraktivität gerade dieser Bilder kommt, ist schwer zu verstehen, aber sie ist unzweifelhaft da.
Sammlung Chtchoukine in der Fondation Vuitton
Auf vier Etagen die Sammlung, schlicht überwältigend. Jeder Raum eine vollwertige Ausstellung für sich: Monet, Cézanne, Gaugin, der frühe Picasso, Matisse, die Konstruktivisten, und dabei diverse Künstler, heute vergessen, aber von nicht minderer Qualität.
Unvergleichlich der Gaugin, eine Szene vor byzantinischem Goldgrund, ein tiefreligiöses Werk. Schwierig, sich danach noch auf anderes zu konzentrieren.
Fondation Louis Vuitton
Ein Bau wie kein anderer. Ein von aussen kaum sichtbares Inneres, überdeckt von Glasflügeln, jetzt farbig dekoriert von Daniel Buren. Den Bau zu betreten, in ihm umherzugehen, macht Freude und glücklich. Was mehr kann ein Gebäude? Diese freudenspendende Qualität eines Baus ist mir erstmals klargeworden 1974 in New York beim Besuch des Wohnhauses eines früheren amerikanischen Präsidenten in einem Ort am Hudson. Der Bau, ganz simpel und unauffällig, hatte so wunderbare Proportionen, strahlte eine solche Heiterkeit und Selbstgewissheit aus, dass man sich als Besucher darin einfach wohlfühlen musste. Die Fondation Vuitton ist von ganz anderem Zuschnitt, eine ingenieurmässige Meisterleistung, ohne die die Architektur ein Entwurf auf Papier hätte bleiben müssen. Ein Jahrhundertbau.




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