Vittorio Magnago Lampugnani beschreibt in der NZZ einen offenkundige, selten thematisierten Zustand. Ausgehend von einem Architekturvortrag vor über 100 Jahren, gehalten von einem Hendrik Petrus Berlage, schreibt Lumpagnani:
Es war der niederländische Architekt Hendrik Petrus Berlage, der vor über hundert Jahren diese Auffassung vertrat, und zwar in einem Vortrag mit dem Titel «Baukunst und Impressionismus». Bis dahin waren die städtischen Häuser Gebilde mit komplex artikulierten Hüllen gewesen. Sie waren in Hauptteil, Basis und Attika gegliedert, die jeweils anders gestaltet und oft auch aus anderen Materialien hergestellt waren: der Sockel widerstandsfähig, weil am exponiertesten, und schwer, um Solidität zu vermitteln, die Attika leicht und licht, allenfalls mit kräftigem Gesims, um den oberen Gebäudeabschluss zu markieren. Dazwischen waren die Fenster rhythmisch in die Fassade eingeschnitten, wobei Rahmen oder Faszien den Übergang zwischen Fläche und Öffnung thematisierten.
Die Fensterbänke standen stärker vor, um Wassernasen zu vermeiden, aber auch um dem Fenster mehr Halt in der Wand zu verleihen. Die Fensterläden waren in die Gesamtkomposition integriert. Flächige oder plastische Zierelemente unterstrichen sie und fügten dekorative und erzählende Dimensionen hinzu, die das Haus mit seiner Nutzung, seinem Bauherrn oder einfach nur seiner Zeit verknüpften. All das, so Berlage, war nunmehr anachronistische Verschwendung und würde vom neuen, rasanten Lebensrhythmus dahingerafft werden.
Von da vorwärts zur Gegenwart, mit Häusern und Städten, die gebaut wurden für die Insassen “rasender Automobile”, welche für architektonische Feinheiten weder Zeit noch das Auge haben.
Weiterhin gebärden sie sich kubisch und karg, zeigen einheitliche glatte Oberflächen und unvermittelt eingeschnittene Fensteröffnungen, versuchen zuweilen durch spektakuläre skulpturale Verrenkungen oder plakative Elemente auf sich aufmerksam zu machen. Ob minimalistisch oder ikonisch, sie setzen sich für einen rasanten Städter in Szene, der im Aussterben begriffen ist. Der zeitgenössische Fussgänger, der zeitgenössische Fahrradfahrer findet an den abstrakt abrasierten Fassaden keine Wohltat und keinen Trost. Dafür muss er sich in die Altstädte oder in die Gründerzeitviertel begeben, wo er noch Details und Schmuckformen findet, die seinen Weg kurzweilig gestalten.
Die darauffolgende Entwicklung übertraf seine [Berlages] pessimistischsten Voraussagen. Die Optimierung des Bauprozesses führte zu zunehmend schlampigen Ausführungen. Die Investoren verbündeten sich mit der Bauindustrie und erfanden immer billigere, immer ärmere und simplere Baustoffe, Elemente und Oberflächen. Die Architekten fügten sich dem Trend zur ästhetischen und materiellen Verarmung, den sie mit der mehr oder minder aufrichtigen Bezugnahme auf die Bauhaus-Tradition und auf minimalistische Kunsttendenzen kulturell rechtfertigten und adelten.
Lumpagnani schliesst mit grossen Hoffnungen für ein Umdenken, das eintreten wird und muss. Hoffen darf man ja. Aktuell scheint dazu (noch) wenig Anlass. Die Bauherren sind stupid und die Architekten unfähig. So sehen wir das. Und haben dauernd und überall die Belege dafür vor Augen.
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