Ein Interview in der NZZ mit Gerald Goesche, “Chef” einer erzkonservativen Kirch in Berlin. Das wäre so etwas, wo der Glaube wieder eine Heimat finden könnte.
Warum ist Ihnen die Pflege der alten Liturgie ein solches Anliegen?
Weil ich finde, dass sie auch da sein muss, und sei es nur als Erinnerung. Es kann nicht sein, dass etwas, was gestern das Heiligste war, auf einmal nicht mehr geht. Das ist unmöglich. Als ich zum ersten Mal den alten Ritus erlebt habe, war ich überwältigt. In der neuen Messe ist alles so laut. Dieser Lautsprecher macht mich wahnsinnig.
Wünschten Sie sich, dass sich der alte Ritus wieder durchsetzt?
Was der liebe Gott daraus macht, ist nicht meine Sache. Ich bin weder Bischof noch Papst, sondern nur für meinen kleinen Laden verantwortlich. Das ist vielleicht auch besser, sonst würde ich bestimmt irgendwelchen Unsinn anrichten.
In Ihrer Kirche wird die Mundkommunion praktiziert. Wie würden Sie reagieren, wenn ich bei Ihnen zur Kommunion käme und die Hände ausstreckte?
Ich gebe keine Handkommunion. Wenn jemand kommt und die Hände ausstreckt, hat der Ministrant die Anweisung, die Patene sanft über die Hand gleiten zu lassen. In neunzig Prozent der Fälle wirkt das. Aber es gibt auch Leute, die Diskussionen anfangen. Ich finde das unhöflich. Wenn man hier ist, hält man sich an den Hausbrauch.
Der Papst erlaubt aber die Handkommunion.
Das sticht nicht. In den Ostriten gibt es auch keine Handkommunion, obwohl es im Westen erlaubt ist. Die Verschiedenheit ist ein Reichtum der Kirche, wir müssen nicht alles angleichen.
Erzkonservativ? Wir sind noch schlimmer.
Ist das Koketterie?
Ein bisschen, natürlich. Mir sind die politischen Einteilungen fremd. Wenn eine Partei wie die CDU erklärt, sie sei konservativ, dann ist Konservativsein doch irgendwie Pillepalle. Wir wollen weitergeben, was wir von den Vätern bekommen haben. Uns geht es um die Fundamente, aber ich mag alle Wörter, die mit «-ismus» enden, nicht. Das klingt so nach Ideologie. Dabei gibt es nichts Realistischeres, als katholisch zu sein. Wir sind traditionell und fundamental, aber nicht fundamentalistisch. Ich glaube, das kommt auch nicht so rüber.
Sprechen Sie in der Predigt auch über Politik, oder sagen Sie: Das hat in der Kirche nichts zu suchen?
Man kann Politik nicht ausklammern. Gerade wird ja die Klimakatastrophe ausgerufen. Wenn es aber einen Weltuntergang gibt, dann weil Gott die Welt untergehen lassen will, nicht weil wir am Klima herumfummeln. Natürlich beschädigen wir mit Verkehr und Industrie die Umwelt. Aber diese grüne Angsthysterie, die wir erleben, ist eine Folge davon, dass man nichts mehr in Gottes Hände geben kann, weil man nichts mehr glaubt. So was sage ich auch in der Kirche, warum nicht.
Was halten Sie von der katholischen Kirche in Deutschland?
Sie ist eine unerklärte Staatskirche, und dass sie unerklärt ist, macht die Sache besonders schlimm. Es würde eine Spannung zwischen Kirche und Staat brauchen. Die gibt es in Deutschland aber nicht.
Traditionelle Kirchen wie die Ihre stossen naturgemäss auf Widerstand. In der Schweiz polarisierte etwa der konservative Bischof Wolfgang Haas, bis ihn der Vatikan nach Vaduz abgezogen hat. Kennen Sie ihn?
Ja, ich finde ihn wahnsinnig nett. Ich glaube, dass er einfach zu weich war. Mich erinnert er an einen kleinen Nikolaus aus einer goldenen Ferrero-Kugel.
Hat sich die Kirche dem Zeitgeist zu stark angepasst?
Bestimmt. Martin Mosebach hat das schön gesagt: Zeitgenossen sind wir ganz von selbst. Die Kirche muss nicht den Zeitgeist nähren, sondern den Glauben und die Tradition überliefern. Manchmal frage ich mich, was wäre, wenn die Kirche in der Vergangenheit etwas stabiler geblieben wäre. Aber nun ist sie halt so CDU-artig dem Mainstream hinterhergehoppelt. Ich versuche hier Dinge zu bewahren, ohne mich Ort und Zeit zu verschliessen.
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