Judas, von Amos Oz

Den neuen Roman “Judas” von Amos Oz als Hörbuch zuende gehört. 

Der junge Shmuel Ash nimmt in einer persönlichen Notlage, der Vater hat mit seiner Firma Konkurs gemacht und kann den Sohn finanziell nicht mehr unterstützen, eine Stelle als Pfleger und Unterhalter eines alten, verkrüppelten Mannes an. Seine Studien zum Thema „Jesus aus der Sicht der Juden“ gibt er auf. Er lebt während mehrere Monate im Haus des Mannes, Gershom Wald. Weitere Bewohnerin des Hauses ist Atalja, Witwe des im Krieg von 1948 umgekommenen Micha, Sohn von Gershom. 

Die drei leben zusammen in einem kleinen Haus am Rande Jerusalems. Es ist Winter, meist, dunkel und regnerisch. Ein Kammerspiel, mit wenig Handlung, aber grossen Emotionen. 

Der junge Shmuel verliebt sich in die weit ältere Atalja, die aber spröde und zurückhaltend bleibt, ihn meist abblitzen lässt und sich kaum je auf ein Gespräch mit ihm einlässt. Zweimal steigt sie zu ihm ins Bett, ohne dass das ihre Beziehung sich damit vertiefen würde. 

Zum Schluss fordert sie ihn auf, das Haus zu verlassen. Er geht. Die Geschichte endet in einer ärmlichen Seitenstrasse eines Kaffs am Rande der Wüste. Dort steht Shmuel und sucht nach einer Zukunft. 

Man würde hoffen, das Wenige an Handlung würde durch Gespräche und Auseinandersetzungen ersetzt. Das geschieht nicht. Die Konversation ist dürftig, wiederholt sich, bezieht sich meist auf die Vergangenheit von Gershom und Atalja, ihren Mann Micha und ihren Vater Abrabanel. Abrabanel hat sich gegen die Gründung des Staates Israel gewehrt und wurde deswegen geächtet und starb nach langer politischer Karriere vereinsamt und vergessen. Er gilt als Verräter am jüdischen Staat. 

Das historisch/religiöse Interesse Shmuels konzentriert sich auf die Figur des Judas Ischariot, für die Christen der Verräter von Jesus. Die Parallele ist gewollt, aber schwer nachvollziehbar.

Der Geschichte des Judas und seines Verrats gilt ein eigenes Kapitel, das in historischer Perspektive losgelöst ist vom restlichen Erzählstrang gestaltet ist. Judas drängt Jesus, gegen dessen Willen, nach Jerusalem zu ziehen, wohl wissend um die Gefahren, die Jesus dort drohen. Seine Erwartung: Jesus wird vom Kreuz steigen und seine Göttlichkeit vor aller Welt offenbaren. Aber Jesus stirbt und für Judas, der Jesus mehr als alle anderen Jünger geliebt hat, bricht die Welt zusammen. 

Was Oz auslässt, ist die Fortsetzung der Geschichte nach christlicher Ueberzeugung. Denn mit der Auferstehung von Jesus realisiert sich gerade die Erwartung des Judas. Doch nicht durch okkulte Kräfte oder yogische Fähigkeiten, sondern allein durch seine Göttlichkeit und im Verborgenen. Auffallend, dass Oz diese Entwicklung ausklammert. 

In grelles Licht gesetzt wird der Tod von Micha, der trotz medizinischer Militäruntauglichkeit in den Krieg zieht und ein grausames Ende findet. Man findet ihn mit durchgeschnittener Kehle, den abgeschnittenen Penis in den Mund gestossen. 

Weshalb Oz den Tod des Micha in so extremer Form geschehen lässt, ist unklar. Hätte ein ganz „normaler“ Tod im Kampf nicht genügt? Das Bild des toten Soldaten mit dem Penis im Mund wird in einer amerikanischen TV-Serie über den Pazifikkrieg von einem Soldaten geschildert, der die Mitglieder eines Spähtrupps so im Dschungel gefunden hat. Ob Oz sich davon hat inspirieren lassen? Ist ähnliches tatsächlich im Krieg von 1948 geschehen? Ich bezweifle es.

Micha wird damit nicht nur zum Kriegstoten, wie tausende andere auf beiden Seiten, sondern er wird speziell herausgehoben, ein Märtyrer. Wie viele Araber er getötet hat, bleibt unerwähnt. Die Feinde Israels werden durch den Vorfall in die Nähe unmenschlicher Bestien gerückt. 

Und ich erinnere mich an ein Gespräch mit zwei sehr netten, äusserst kultivierten und gebildeten pensionierten Lehrerinnen aus Haifa in einem Hotel am Toten Meer, bei welchem die eine bemerkte: Die Palästinenser, das sind keine Menschen, das sind Tiere. 

Wikipedia

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