Universalienstreit

Friedell: Kulturgeschichte der Neuzeit (Pos. 1520)

Egon Friedell um 1935. Sein Lebenswerk ist die dreibändige "Kulturgeschichte der Neuzeit".  (picture alliance / IMAGNO/Austrian Archives)

Der Zentralgedanke des Mittelalters, gleichsam das unsichtbare Motto, das über ihm schwebt, lautet: universalia sunt realia; nur die Ideen sind wirklich. Der große »Universalienstreit«, der fast das ganze Mittelalter erfüllt, geht niemals um den eigentlichen Grundsatz, sondern nur um dessen Formulierungen. Es gab bekanntlich drei Richtungen, die einander in der Herrschaft ablösten. Der »extreme Realismus« behauptet: universalia sunt ante rem, das heißt: sie gehen den konkreten Dingen vorher, und zwar sowohl dem Range nach wie als Ursache; der »gemäßigte Realismus« erklärt: universalia sunt in re, das heißt: sie sind in den Dingen als deren wahres Wesen enthalten; der »Nominalismus« stellt den Grundsatz auf: universalia sunt post rem: sie sind aus den Dingen abgezogen, also bloße Verstandesschöpfungen, und er bedeutet daher in der Tat eine Auflösung des Realismus: seine Herrschaft gehört aber, wie wir später sehen werden, nicht mehr dem eigentlichen Mittelalter an.

Und nun erwäge man, welche ungeheure Bedeutung es für das allgemeine Weltbild haben muß, wenn überall von der Voraussetzung ausgegangen wird, daß die Universalien, die Begriffe, die Ideen, die Gattungen das eigentlich Reale sind: eine Annahme, die bekanntlich der größte Philosoph des Altertums zum Kernstück seines Systems gemacht hat. Aber Plato hat diese Ansicht nur gelehrt, das Mittelalter hat sie gelebt.

Die mittelalterliche Menschheit bildet ein Universalvolk, in dem die klimatischen, nationalen, lokalen Differenzen nur als sehr sekundäre Merkmale zur Geltung kommen; sie steht unter der nominellen Herrschaft eines Universalkönigs, eines Cäsars, der diese Regierung zwar fast immer nur theoretisch ausgeübt, in seinen Ansprüchen aber nie aufgegeben hat, und unter der tatsächlichen Herrschaft einer Universalkirche oder vielmehr zweier Kirchen, die beide behaupten, die universale zu sein: die eine, indem sie sich die allgemeine, die katholische, die andere, indem sie sich die allein wahre, die orthodoxe nennt; sie hat, wie wir bereits sahen, eine Universalwirtschaft, die die Lebenshaltung, Erwerbsgebarung, Produktion und Konsumtion jedes einzelnen möglichst gleichmäßig zu gestalten sucht; sie hat einen Universalstil, der alle Kunstschöpfungen von der Schüssel bis zum Dom, vom Türnagel bis zur Königspfalz durchdringt und gestaltet: die Gotik; sie hat eine Universalsitte, deren Anstandsregeln, Grußformen, Lebensideale überall gelten, wo abendländische Menschen ihren Fuß hinsetzen: die ritterliche Etikette; sie hat eine Universalwissenschaft Die die oberste Spitze, den Sinn und die Richtschnur alles Denkens bildet: die Theologie; sie hat eine Universalethik: die evangelische, ein Universalrecht: das römische, und eine Universalsprache: das Lateinische.

Sie bevorzugt in der Skulptur das Ornamentale, also das Begriffliche, in der Architektur das Abstrakte, das Konstruktive, sie reagiert überhaupt gänzlich unnaturalistisch (und zwar ist der mangelnde Naturalismus keineswegs auf mangelndes Können zurückzuführen: daß er im Bereich der technischen Möglichkeit lag, zeigen die Porträtplastiken; wie ja überhaupt Naturalismus niemals einen künstlerischen Höhepunkt bezeichnet, sondern entweder ein roher Anfang ist oder ein absichtliches, programmatisches Zurückgehen auf frühere Stufen); ja selbst die Natur ist für diese Menschen eine Abstraktion, eine vage, fast unwirkliche Idee, die eigentlich nur ein Leben in der Negation führt: als Gegensatz des Reiches des Geistes und der Gnade.

p. Ist der U.Streit eine philosophische Anekdote, Teil jener absurden Scholastik, die sich angeblich hauptsächlich abmühte mit der Frage, wie viele Engel auf einer Nadelspitze Platz fänden? Wohl kaum. Wir leben in einer Zeit des fundamentalen Nominalismus, der alles und jedes auf materielle und zufällige Ereignisse zurückführt und in einem trostlosen Nihilismus endet, welcher die Menschheit in Angst und Schrecken versetzt. Deshalb wohl auch die ersehnte Klimakatastrophe, die dem ganzen angeblich  entsetzlichen Sein das verdiente Ende setzt.

Die Frage stellt sich: was ist primär, der Gedanke, die Idee oder das fertige Produkt. Gibt es etwas, das nicht zuerst Gedanke und Idee war? Bei den von Menschen geschaffenen Dingen wird diese Priorität vielleicht noch anerkannt, aber bei allem anderen und vorhergehenden entschieden nicht. Ein merkwürdiger Widerspruch. Gewiss stand auch bei der Erschaffung von Amöben, Fischen, Echsen, Vögeln, Hunden, Affen und Menschen eine Idee am Anfang. Aber gemäss atheistischem Dogma wäre das vollständig undenkbar, absurd, lächerlich. Wer sollte die Idee schon gehabt haben? Gott etwa? Universalia sunt re ist mit dem Zeitgeist unvereinbar.

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Biographie Friedell Bernhard Viel / Wikipedia

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