„Ein Schneeballsystem, das funktioniert“

Die NZZ hat ein lustiges Interview mit Reto Föllmi, Professor für Volkswirtschaftslehre an der Uni St.Gallen, publiziert. Wir dürfen daraus zitieren:

Die AHV als Ganzes ist ein Schneeballsystem, das eigentlich aber funktioniert. Sie basiert auf der Idee, dass ich die Renten der heutigen Pensionierten finanziere – im Vertrauen darauf, dass die nachfolgenden Generationen meine Rente bezahlen. Wenn die Generation, die Renten bezieht, schneller wächst als jene, die sie bezahlen muss, wird es hingegen unangenehm. Genau diese Situation haben wir heute. Mit der Zuwanderung können wir sie lindern.

Was ist ein Schneeballsystem. Wir ahnen es schon, lassen uns aber von Wikipedia bestätigen:

Ein Schneeballsystem (auch Pyramidensystem genannt) ist eine betrügerische Form von Geschäftsmodell. Es funktioniert nach einem einfachen, aber trügerischen Prinzip: Um Gewinne zu machen, ist das System zwingend darauf angewiesen, ständig neue Teilnehmer zu werben.

Also ein betrügerisches System. Wer wird in so einem System betrogen? Jene, welche zuletzt an die Fleischtöpfe dürfen, das heisst die Jungen. Was ist nun aber ein Schneeballsystem, das funktioniert? Eines, das Herrn Ponzi ungeschoren davonkommen lässt? Das wird bei der AHV nicht der Fall sein. Irgendwann schnappt die Falle zu.

Das AHV-Umlagesystem funktioniert dann und eigentlich nur dann, wenn stabile Verhältnisse vorliegen. Das heisst, ein Gleichgewicht zwischen Beitragszahlenden und Rentnern besteht. Nimmt die Zahl der Rentner im Verhältnis zu den Zahlenden ab, geht es natürlich auch. Aber das ist in den nächsten 100 Jahren in der Schweiz und anderswo nicht zu erwarten. Wir können den theoretischen Sonderfall also ausblenden. Verschiebt sich das Verhältnis hingegen laufend zuungunsten der Zahler, sieht es für diese düster aus. Dafür war das System nie gedacht. Die laufende Zuwanderung bringt vorübergehende Erleichterung, aber keine grundsätzliche Lösung des Problems. Schneeball bleibt Schneeball bleibt Ponzi bleibt Kettenbrief.

Das weiss auch Herr Prof. Föllmi, möchte aber nicht, dass das Ende der Zuwanderung schon jetzt eingeläutet wird. Offenbar lieber später, irgendwann. Föllmi sollte in die Politik gehen.

Eine interessante Zahl verdient Beachtung: Das Verhältnis des Barwerts von Auszahlungen zu Einzahlungen beträgt bei EU-Bürgern 1,29 und bei Schweizern 1,37. Das heisst, bei den Ausländern (EU‑Angehörigen) ist das „Defizit“ etwas kleiner. Aber: Viele ausländische Staatsangehörige beziehen ihre Rente nicht in der Schweiz, sondern im Ausland, wohin schon ein Drittel der Auszahlungen gehen. Als Rentner im Ausland müssen sie sich aber nicht an der Finanzierung des Defizits per MWSt, Bundesanteil, Tabaksteuer etc. beteiligen. Da sind sie fein raus. Und bekommen ihre Rente erst noch in harten CHF.

Das aufschlussreiche Gespräch bietet noch zahlreiche Themen, die nach einer vertieften Diskussion rufen. Deutlich wird aber, die Zuwanderung ist nicht die Lösung für unsere AHV-Finanzierungssorgen. Kurzfristig verspricht sie Linderung, langfristig verschlimmert sie die Lage.

NZZ

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