Die Spezialbürger und ihre Rumpfdemokratie

Ein tiefschürfender und gleichzeitig hochaktueller Beitrag von Oliver Zimmer, früherer Oxford-Professor, über die Interessen der „Spezialbürger“ in Verwaltung, Gewerkschaften, Verbänden, Konzernen an einer ungehinderten, freien Zuwanderung in die Schweiz und die Interessen der Normalbürger, welche die Kosten tragen, aber keinen Gewinn daraus ziehen. Zimmer beginnt seine Analyse bei den Gründervätern der modernen, repräsentativen Demokratie, den früheren Eliten und ihren Tugenden und die Entwicklung ihres Konzepts unter dem Druck transnationaler Institutionen, welche einen stetig grösseren Machtanspruch durchsetzen und die demokratischen Ideen verwässern. Die Schweiz steht mit ihren Entscheiden zur EU vor der Frage, ob sie sich diesem Trend widersetzen oder gegenhalten soll. Dazu ein längerer Ausschnitt aus der NZZ vom 8.6.26.

Abtrennung des demokratischen Willens vom politischen Entscheidungsprozess: Was Bickerton beschreibt, ist die von einer politischen Klasse von Berufspolitikern und ihren Beamten betriebene Abschottung von den Bürgern. Dass sich diese Abschottung im Auftrag und unter der Fahne des europäischen Transnationalismus vollzieht – und dass sie von einem Milieu ausgeht, das sich als Stosstrupp gegen die nationale Abschottung begreift –, entbehrt nicht der Ironie. Hier ist offensichtlich ein Projektionsmechanismus am Werk. Der eigene Hang zur provinziellen Eigensucht, den man verdrängt, wird externalisiert. In einem Akt der diskursiven Psychohygiene.

Doch es wäre falsch, hier nur die Politiker in die Pflicht zu nehmen. Zu den verkappten Abschottern gehören auch jene, die Reiner Eichenberger und David Stadelmann kürzlich als «Spezialbürger» bezeichnet haben. Dazu zählen die beiden Ökonomen insbesondere die «Entscheidungsträger in Politik, Bürokratie, Spitzenverbänden und Firmen mit einer gewissen Marktmacht». Am Beispiel der Schweiz weisen sie nach, was viele Normalbürger wohl schon länger vermutet haben: dass nämlich die Spezialbürger vom Wachstum des gesamten BIP (unproduktives Breitenwachstum) profitieren. Dies unterscheidet sie von den Normalbürgern, deren Lebensqualität vom BIP pro Kopf (produktives Wachstum) abhängt. Dieser Umstand erklärt nach Eichenberger und Stadelmann weitgehend, warum die schweizerischen Spezialbürger die Personenfreizügigkeit mit der EU ohne Wenn und Aber bejahen: weil diese die demokratische Kontrolle der Zuwanderung in den Schweizer Arbeitsmarkt nicht nur erschwert, sondern vertraglich verbietet. Und warum sie jeden Versuch, diese Kontrolle der demokratischen Politik zurückzugeben, mit Begriffen wie «Nationalismus», «Chaos» und «Abschotten» diffamieren.

Hier formiert sich seit Jahren eine unheilige Allianz von Verbänden und Gewerkschaften, von sozialistischen und nominal bürgerlichen Politikern. Viele von ihnen stehen im Solde von Lobbyisten aus ihren eigenen Zirkeln. Was sie verbindet, ist ihre vergleichsweise geschützte Existenz. Sie, die das widerspenstige Volk durch Kommunikationsagenturen und ihre medialen Verbindungsleute der Selbstzufriedenheit bezichtigen lassen, verteidigen ihre Pfründen. Sie, die in ihren Handelskammern und Kanzleien unablässig den internationalen Wettbewerb predigen, sind in Sektoren tätig, die zum grossen Teil den Eingeborenen vorbehalten bleiben. Hier die Normalbürger, von denen nicht wenige bei Unternehmen arbeiten, die den Stürmen der internationalen Konkurrenz schon lange trotzen müssen; sie kennen die Globalisierung nicht bloss aus den Hochglanzbroschüren der auf Parteikurs segelnden Think-Tanks und Umfrageinstitute. Dort die grosszügig honorierten und abgesicherten Bundesbeamten und Verbandsvertreter, die für die europäischen Verträge weibeln, wohlwissend, dass sie dadurch die Macht des Staates und der Regierung vergrössern (also ihre eigene) auf Kosten des Parlaments und der Bürger.

NZZ

„Ein Schneeballsystem, das funktioniert“

Die NZZ hat ein lustiges Interview mit Reto Föllmi, Professor für Volkswirtschaftslehre an der Uni St.Gallen, publiziert. Wir dürfen daraus zitieren:

Die AHV als Ganzes ist ein Schneeballsystem, das eigentlich aber funktioniert. Sie basiert auf der Idee, dass ich die Renten der heutigen Pensionierten finanziere – im Vertrauen darauf, dass die nachfolgenden Generationen meine Rente bezahlen. Wenn die Generation, die Renten bezieht, schneller wächst als jene, die sie bezahlen muss, wird es hingegen unangenehm. Genau diese Situation haben wir heute. Mit der Zuwanderung können wir sie lindern.

Was ist ein Schneeballsystem. Wir ahnen es schon, lassen uns aber von Wikipedia bestätigen:

Ein Schneeballsystem (auch Pyramidensystem genannt) ist eine betrügerische Form von Geschäftsmodell. Es funktioniert nach einem einfachen, aber trügerischen Prinzip: Um Gewinne zu machen, ist das System zwingend darauf angewiesen, ständig neue Teilnehmer zu werben.

Also ein betrügerisches System. Wer wird in so einem System betrogen? Jene, welche zuletzt an die Fleischtöpfe dürfen, das heisst die Jungen. Was ist nun aber ein Schneeballsystem, das funktioniert? Eines, das Herrn Ponzi ungeschoren davonkommen lässt? Das wird bei der AHV nicht der Fall sein. Irgendwann schnappt die Falle zu.

Das AHV-Umlagesystem funktioniert dann und eigentlich nur dann, wenn stabile Verhältnisse vorliegen. Das heisst, ein Gleichgewicht zwischen Beitragszahlenden und Rentnern besteht. Nimmt die Zahl der Rentner im Verhältnis zu den Zahlenden ab, geht es natürlich auch. Aber das ist in den nächsten 100 Jahren in der Schweiz und anderswo nicht zu erwarten. Wir können den theoretischen Sonderfall also ausblenden. Verschiebt sich das Verhältnis hingegen laufend zuungunsten der Zahler, sieht es für diese düster aus. Dafür war das System nie gedacht. Die laufende Zuwanderung bringt vorübergehende Erleichterung, aber keine grundsätzliche Lösung des Problems. Schneeball bleibt Schneeball bleibt Ponzi bleibt Kettenbrief.

Das weiss auch Herr Prof. Föllmi, möchte aber nicht, dass das Ende der Zuwanderung schon jetzt eingeläutet wird. Offenbar lieber später, irgendwann. Föllmi sollte in die Politik gehen.

Eine interessante Zahl verdient Beachtung: Das Verhältnis des Barwerts von Auszahlungen zu Einzahlungen beträgt bei EU-Bürgern 1,29 und bei Schweizern 1,37. Das heisst, bei den Ausländern (EU‑Angehörigen) ist das „Defizit“ etwas kleiner. Aber: Viele ausländische Staatsangehörige beziehen ihre Rente nicht in der Schweiz, sondern im Ausland, wohin schon ein Drittel der Auszahlungen gehen. Als Rentner im Ausland müssen sie sich aber nicht an der Finanzierung des Defizits per MWSt, Bundesanteil, Tabaksteuer etc. beteiligen. Da sind sie fein raus. Und bekommen ihre Rente erst noch in harten CHF.

Das aufschlussreiche Gespräch bietet noch zahlreiche Themen, die nach einer vertieften Diskussion rufen. Deutlich wird aber, die Zuwanderung ist nicht die Lösung für unsere AHV-Finanzierungssorgen. Kurzfristig verspricht sie Linderung, langfristig verschlimmert sie die Lage.

NZZ

Die Lage und die Aussichten von Grossbritannien

Matt Goodwin, Blogger auf Substack, hat den Text seiner Rede vor EU-Parlamentarier in Strassburg aufgeschaltet. Daraus die ersten Paragraphen. Beängstigend.

Why is British politics experiencing a historic political ‘realignment’ that will, if the polls are correct, deliver a Reform-led government, headed by Nigel Farage?

To answer this question, let me first set out a few facts about what is currently underway in Britain.
By the year 2063, white Britons will be a minority in the country.
Among the under-40s, this will happen much earlier, potentially as early as the year 2050 —only twenty-five years away.

By the year 2079, the foreign-born –people who were born outside Britain— and their immediate descendants, will represent a majority in the entire country.
In England, already today, more than 40 per cent of all babies have at least one parent who was born outside the country, with the most common including India, Pakistani, Nigeria, Bangladesh, Ghana, Afghanistan, and Iraq.

By 2100, by the end of this century, one in four British adults and roughly one in three young people, unless we change the direction of travel, will follow Islam.
Today, more than one million people in Britain do not speak English, while in more than 2,000 schools a majority of children do not speak English as their first language.
Muhammad, including variants of the name, has been the most popular boys name in Britain, since 2016.

And in many areas of the country, somewhere between 20 and 40 per cent of people from minority backgrounds openly reject an English, British, and UK identity.
All these things points to the answer to the question of why British politics is currently in a state of profound and historic change —a political realignment.
We have an immigration crisis, a demographic crisis, which nobody in Westminster is seriously responding to. And this crisis has two key elements.
The first is the illegal migration crisis.

According to the Pew Research Centre, there are more than one million illegal migrants living and working in Britain, today.
They are now being joined by nearly 200,000 additional unvetted illegal migrants, who are arriving on the small boats from France.
And if the current average trend continues, they will soon be joined by another 181,000 illegal migrants on the small boats by the next general election.
More unvetted migrants have now crossed into the country on the small boats than we currently have people serving in the British armed forces.
Nobody voted for this. Nobody wants this.
Yet once they have entered Britain illegally, they are then sent by our current Labour government into the very heart of our local communities –next to families, next to schools, next to synagogues, next to children.

The cost of this absurd police is some £5.7 million a day for the hardworking British taxpayer, or £15 billion over the next decade.
We don’t know who these people are.
We don’t know where they are from.
We don’t know what they believe.
We don’t know why they are here.
What we do know is they have included supporters of Islamic state, murderers, rapists, and “alleged” Iranian terrorists and that Islamic state has been using Europe’s migration crisis to infiltrate Western nations.

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Les Gilets Jaunes

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Paris: Kein Bobo-Aufstand, keine Lehrer, Sozialarbeiter, Studenten, Professoren, sondern die Leute vom Land. Nicht das Kleinbürgertum, die Proletarier melden sich, mit ihren Parolen und Methoden, und das Kleinbürgertum, welche die Meinungsdominanz ihr eigen nennt, ist entsetzt. Interview in spiked mit Christopher Gully.

Back in 2014, geographer Christopher Guilluy’s study of la France périphérique (peripheral France) caused a media sensation. It drew attention to the economic, cultural and political exclusion of the working classes, most of whom now live outside the major cities. It highlighted the conditions that would later give rise to the yellow-vest phenomenon. Guilluy has developed on these themes in his recent books, No Society and The Twilight of the Elite: Prosperity, the Periphery and the Future of France. spiked caught up with Guilluy to get his view on the causes and consequences of the yellow-vest movement.

spiked: What is the role of culture in the yellow-vest movement?

Guilluy: Not only does peripheral France fare badly in the modern economy, it is also culturally misunderstood by the elite. The yellow-vest movement is a truly 21st-century movement in that it is cultural as well as political. Cultural validation is extremely important in our era.

One illustration of this cultural divide is that most modern, progressive social movements and protests are quickly endorsed by celebrities, actors, the media and the intellectuals. But none of them approve of the gilets jaunes. Their emergence has caused a kind of psychological shock to the cultural establishment. It is exactly the same shock that the British elites experienced with the Brexit vote and that they are still experiencing now, three years later.

The Brexit vote had a lot to do with culture, too, I think. It was more than just the question of leaving the EU. Many voters wanted to remind the political class that they exist. That’s what French people are using the gilets jaunes for – to say we exist. We are seeing the same phenomenon in populist revolts across the world.

spiked: How have the working-classes come to be excluded?

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