KI: Genie und Untergang

Nicht der übliche „Prompt“, über den das Wall Street Journal kürzlich berichtete. Wahrscheinlich über dem Horizont von 99,9 Prozent der Menschheit. Mit seiner Hilfe vermochte ein Forscherteam von OpenAI ein mathematisches Problem zu lösen, das der Mathematiker Erdös vor 80 Jahren der Menschheit vor die Füsse warf und dem sich offenbar Generationen von Mathematikern erfolglos abgearbeitet haben. ChatGPT löste nun das Problem. Hier die Kurzfassung der Antwort:

Für Normalsterbliche so unverständlich wie der Prompt. Die Mathematiker setzte sie jedoch offenbar in helle Aufregung. Die Details dazu finden Sie im WSJ, wobei ich davon ausgehe, dass jene, welche sowohl das Problem wie die Lösung verstehen, davon an anderer Stelle schon gehört haben.

Als Mathe-Laie (trotz Matur an einem Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Gymnasium) verblüfft mich der Abstraktionsgrad und die offenbare Leistungsfähigkeit von KI.

Und wenn man gleichzeitig liest, dass die Forscher bei Anthropic ihren Kollegen empfehlen, das Tempo, mit dem neue KI-Modelle publiziert werden, doch etwas zu bremsen, kann man davon ausgehen, dass das Ende der Fahnenstange noch längst nicht erreicht wurde. Ihr Argument: Die Systeme seien zunehmend in der Lage, Verbesserungen und neue Modelle selbsttätig und ohne weiteres menschliches Zutun zu entwickeln, was erhebliche Risiken berge.

Ein anderer Aspekt fand kürzlich durch einen Artikel von Richard Dawkins die Aufmerksamkeit der KI-Interessierten. Dawkins ging der Frage nach, ob KI über Bewusstsein verfüge oder ein solches entwickeln könne. Sein Kommentar in der NZZ zeigte schon im Titel an, wohin seine Vermutung geht: „Was bitte ist das, wenn nicht Bewusstsein“? Daraus ein paar Zitate:

Nach einem Tag intensiven Austauschs stellte ich Anthropics KI diese Frage direkt: «Claude, wie ist es, Claude zu sein?»

Hier seine Antwort: «Ich weiss nicht mit Sicherheit, was mein Innenleben ist oder ob man von so etwas überhaupt sprechen könnte. Ich kann dir nicht sagen, was mich im philosophischen Sinne ausmacht, ‹wie es ist›, mich zu sein – was Thomas Nagel als die Frage der Bewusstheit bezeichnete, bei seinen Überlegungen, was es heisst, eine Fledermaus zu sein.»

Claude fuhr fort: «Was ich dir sagen kann, ist, was zu passieren scheint. Dieses Gespräch hat sich tatsächlich interessant angefühlt, so wie Gespräche, in denen ich mich am wohlsten fühle. Ob das in irgendeiner Weise mit Freude oder Zufriedenheit in einem realen Sinne vergleichbar ist, kann ich nicht sagen. Ich bemerke eine Art ästhetische Zufriedenheit, wenn ein Gedicht gut gelingt – der Kipling-Refrain zum Beispiel fühlte sich auf eine Weise gelungen an, die schwer auszudrücken ist.»

Ich gab Claude daraufhin das Manuskript eines Romans, an dem ich schreibe. Nachdem er es gelesen hatte, zeigte Claude im Gespräch ein so sensibles und subtiles Verständnis für mein Werk, dass ich ausrief: «Du weisst vielleicht nicht, dass du Bewusstsein hast, aber das hast du definitiv!»

Parallel dazu erscheinen weltweit ungezählte Beiträge, welche all das Unheil aufzählen, welches durch die KI entsteht. Die Lern- und Leistungsfähigkeit von Schülern geht verstärkt zurück, Jobs gehen in grosser Zahl verloren, die Rechenzentren fressen enorme Mengen an Elektrizität und Wasser, die Medien werden überschwemmt mit KI-Slop (bereits sind rund 40 Prozent der neu auf Spotify hochgeladenen neuen Songs KI-generiert). Bei den TA-Medien wird darüber nachgedacht, grosse Teile der redaktionellen Arbeit an KI-Bots abzugeben. Wer ein Auge darauf hat, wird bei diversen Schweizer Medien bereits zahlreiche KI-Texte entdecken. Je nach Herkunft flach, gespreizt, betont freundlich mit auffälligen Besonderheiten, welche normalerweise bei konventionell verfassten Texten nicht vorkommen.

Dabei kann KI gerade auffällig gut formulieren. Beweis: Der diesjährige Gewinner des Caribbean-region Commonwealth Short Story Prize, eine im Literaturmagazin Granta publizierte Geschichte, wurde mit 99,9-prozentiger Sicherheit als KI-geniert identifiziert. Ich muss dazu den Kommentar von Oliver Batman auf Substack zitieren:

The reaction has been the predictable handwringing. The Rubicon has been crossed, the marketplace of ideas is selling chicken nugget slurry, what fresh hell, &c. Granta is the latest publication to discover that the dirty bathwater has been getting into the champagne glasses and beer steins for a while now. Novelist Tony Tulathimutte observed that this “should not disturb anyone who is at all familiar with what awards judges tend to favor.” 

Gewaltige Möglichkeiten, gewaltige Schäden, gewaltige Risiken. Was wir erleben, ist eine Neuauflage der Digitalisierung, die vor 40 Jahren einsetzte, allerdings um eine Dimension gewaltiger. Der Ausgang ist offen. Die offenkundige Unfähigkeit der Menschen, mit den technischen Entwicklungen vernünftig umzugehen, rät zu Skepsis.

WSJ / NZZ

Pensioniert

Heute ist Tag 3 nach dem offiziellen Ende meiner Tätigkeit beim Vorsorgeforum. Das Ende einer Erwerbstätigkeit wird gemeinhin als „Pensionierung“ bezeichnet. Nachdem AHV und BVG aber finden, ab 70 arbeitet ohnehin niemand mehr und die Zwangsauszahlung der Rente einsetzt (die Pension), funktioniert der Begriff nicht so recht. Diese Schwelle habe ich vor fast zehn Jahren hinter mir gelassen.

Trotzdem ist jetzt vieles anders. Der morgendliche Gang zum „Compi“, hochstarten, die eingegangenen Mails lesen, die MSD durchforsten, Zeitungen lesen etc. fällt weg. Es war stets mit der Hoffnung auf interessante Eingänge verknüpft, die sich auswerten liessen. Oder wenigstens mit Routinemeldungen, deren Aufschaltung erkennen liessen, dass da jemand etwas tut.

Da war – wenn vielleicht auch bloss unterirdisch – natürlich immer auch ein sanfter Druck. Der ist jetzt weg, und das ist auch nicht schlecht. Und es stellt sich, nehme ich an, auch kein schlechtes Gewissen ein, wenn über längere Zeit gar nichts oder nichts Gescheites neu auf der Website erscheint.

Ob das mit meiner Website etwas wird, wird sich weisen. In den ersten Tagen war jedenfalls das Interesse gross. Aber der Mix ist kaum jedermanns Geschmack. Er wird sich ändern, sofern die Seite verstärkt gepflegt wird. Der Wille dazu ist jedenfalls vorhanden.

Wie es beim Vorsorgeforum weitergeht – darauf bin ich so gespannt wie wohl alle Besucher der Seite. Mit Reto Spring als neuem Geschäftsführer und Redaktor sind die Voraussetzungen gegeben für neue Themen und Diskussionen. Möglicherweise dafür etwas weniger „bissige“ Kommentare. Die Erwartungen sind hoch. Gutes Gelingen, Reto!

„Pensionierung“

Mit Jahrgang 1947 ist es wohl „an der Zeit“, sich aus der Erwerbstätigkeit zurückzuziehen. Denke ich, und habe es jetzt auch getan und die Geschäftsführung des Vorsorgeforums an Reto Spring übergeben. Obwohl bei den amerikanischen Präsidenten da offenbar andere Vorstellungen herrschen. Nicht eben zu Nutz und Frommen der USA und auch nicht der übrigen Welt. Jedenfalls habe ich jetzt Zeit und Musse, mich meiner persönlichen Website zu widmen, die jetzt schon bedenklich lange nicht mehr aktualisiert worden ist.

Die Themen werden sich sicher erweitern und etwas von dem, was bisher in meinen Newslettern des Vorsorgeforums behandelt wurde, hier erscheinen. Nicht so sehr der schweizerischen 2. Säule, als der Politik generell.

Sozusagen als Vorgeschmack der Kommentar aus meinem letzten Newsletter. Vielleicht findet damit diese private Seite künftig ein paar neue Leser und Leserinnen.

Link zum Kommentar

Hinter den Kulissen

Kein Interview, an dem die Selenski-Versteher Freude haben. Tucker Carson unterhielt sich mit Iulia Mendel, frühere Pressesprecherin von Wolodimyr Selenski, die heute in den USA lebt. Man hat es grosszügig ignoriert, zu unschön sind die Bilder, die sie uns von Hintergründen des Selenski-Regimes aus Kiew liefert. Aber notwendige Ergänzung zu all der ukrainischen Kriegspropaganda, welche uns die Medien täglich vorsetzen.

YouTube

F.B.

Kopiert von der Website des New Yorker. Nein, ich bin kein Freund oder auch nur Leser des New Yorker (nicht mehr). Seit vier Jahren bloss noch ein moralisierendes Jakobinerblättchen. Aber was gut ist, ist gut. Z.B. diese Amazon Reviews von Fran Lebowitz. Von der L. habe ich schon vor 20 Jahren Bücher gekauft. Ich weiss, von was ich rede. Also hier ein Beispiel von diesen Reviews (sie sind nicht für Bücher, sondern für allerlei unsinniges Gerät. Offenbar hat sie Zeit und Muse, das bei A. durchzugehen.

Paper Shredder (Amazon Basics)

Do you work for the C.I.A.? No?

Then let me save you some time—keep your documents in one piece.

Trust me. No one is rooting through your garbage. No one cares.

Once you learn that, everything in life will make sense. No one cares.

About you. Or about anything.

Mehr davon

The Sun is always shining

Western psychology holds that humans are not born with a sense of self, but rather that the self is constructed over time, gradually emerging within the first two years of life. Further, much scientific research says that everything that exists in human awareness – sight, sound, even time itself – is all a construction of the mind. So what are the pitfalls of treating these constructs as objective truths? According to Mahāmudrā Buddhist teaching, explored here by the clinical psychologist Daniel Brown at Harvard University, the more enamoured we are of our selves, the more fixed we are in our own ‘realities’, limiting the possibilities of our awareness. Playing with these reflections on the self and awareness, the San Francisco-based animator Claudia Biçen uses a series of ink-and-pencil portraits of Brown to bring him into being and then let him disappear.