It from Bit

In der NZZ wird die Frage nach der Realitätsaussage der Quantenmechanik gestellt. Offenbar wird die Realität eindeutig erst durch die Beobachtung konstituiert. Das scheint unbestritten. Doch bleibt unklar, was unter Realität hinter der Beobachtung überhaupt zu verstehen ist. Im Artikel wird ausgeführt:

Das Kernstück der heutigen Quantentheorie ist Schrödingers Wellen- oder Zustandsfunktion. Nach einem breiten Konsens unter Physikern enthält sie die vollständige Information über das betreffende Quantensystem. Sie beschreibt das Spektrum der möglichen Messwerte – etwa Position, Energie, Spin eines Teilchens. Aber im Gegensatz zur klassischen Situation existiert dieses Teilchen erst in einem eindeutigen realen Zustand, wenn wir es gemessen haben.

Das stellt nun den Realismus des klassischen physikalischen Weltbilds von den Füssen auf den Kopf. In diesem Weltbild existieren die physikalischen Systeme unabhängig von den Messinstrumenten, und die Instrumente sind einfach Informationslieferanten. John Archibald Wheeler, einer der phantasievollsten Physiker des 20. Jahrhunderts, hat darin eine der grossen Fragen der modernen Physik geortet. Ein reales physikalisches System bezeichnet er als «It»; die Information in der Zustandsfunktion als «Bit». Klassisch sagen wir: Da ist ein Teilchen in einem bestimmten Zustand – ein It –, und wir messen an ihm bestimmte Grössen: «Bit from It». Quantentheoretisch sagen wir: Wir messen bestimmte Grössen und schliessen daraus, dass sich da ein Teilchen in einem bestimmten Zustand befindet: «It from Bit». Ein Lichtpunkt auf dem Bildschirm, ein elektrischer Puls, ein Klick im Detektor: Das sind die Antworten des Apparats, die informationellen Atome der Realität.

«It from Bit» hat das Zeug zu einer konzeptuellen Revolution. Die Welt dreht sich nicht mehr um ihre materiellen, sondern um ihre informationellen Elemente. Warum ist die Welt quantisiert? «It from Bit» gibt uns eine trivialgeniale Antwort: weil unsere Fragen und Antworten letztlich quantisiert sind, sich auf abzählbar viele binäre Entscheide zurückführen lassen: Fliesst ein Strom oder nicht? Handelt es sich um die Spur eines Antiprotons? Unter das Ja-oder- Nein-Niveau kommen wir nicht.

Anton Zeilinger, der Quanteninformatiker aus Wien, der heute Wheelers Idee im Labor weiterführt, schreibt, dass «wir bewusst nicht mehr fragen, was ein elementares System eigentlich ist. Sondern wir sprechen letztlich nur über Information. Ein elementares System (. . .) ist nichts anderes als der Repräsentant dieser Information, ein Konzept, das wir aufgrund der uns zur Verfügung stehenden Information bilden.» Zeilinger stellt sogar das radikale Postulat auf: «Wirklichkeit und Information sind dasselbe.» Man könnte vom Postulat des informationellen Realismus sprechen: Am Anfang war das Bit.

Der klassische Idealismus und mit ihm Advaita wird sagen, die Beobachtung und das Beobachtete sind eins. Esse est percivi, wobei wir wieder bei Berkley wären. Oder die eigene Einsicht: Es ist uns keinerlei Möglichkeit zur Unterscheidung gegeben. Die Suche nach dem It führt nirgendwo hin.

Artikel NZZ

Chris Fields: Ego, Selbst, Separate Self, etc.

imageBeing a self – being one’s own self, in particular – is the most familiar of all experiences. Indeed it is one’s self that is experienced as having one’s experiences: one’s sensations, emotions, memories, feelings of agency, feelings of thinking, deciding and acting, the very feeling of existing. Philosophical traditions encourage us to know ourselves, but also to not take ourselves too seriously and to not get too caught up with the wanting, thinking, deciding and acting „ego“ part of the self. But what is this self experience, why do we have it, and what happens if it starts to unravel? I’ll suggest that we should marvel at the experience of the self, and speculate as to why we have it.

Chris Fields is an interdisciplinary information scientist interested in both the physics and the cognitive neuroscience underlying the human perception of objects as spatially and temporally bounded entities. His current research focuses on deriving quantum theory from classical information theory; he also works on cell-cell communication and cellular information processing, the role of the „unconscious mind“ in creative problem solving, and early childhood development, particularly the etiology of autism-spectrum conditions.

He and his wife, author and yoga teacher Alison Tinsley, recently published Meditation: If You’re Doing It, You’re Doing It Right, in which they explore the experience of meditation with meditators from many walks of life. Dr. Fields has also been a volunteer firefighter, a visual artist, and a travel writer. He currently divides his time between Sonoma, CA and Caunes Minervois, a village in southwestern France.“

p. Es stellt sich die Frage, wie die von Advaita propagierte Ichlosigkeit, die Überwindung des getrennten Ichs damit zusammengeht. Wie erklärt sich die wissenschaftliche Community die Entstehung und das Funktionieren des Ichs, das alles möglich vereint – Empfindungen, Erinnerungen, Emotionen, Körperbewusstsein, sensorische Wahrnehmungen etc. Seine Antwort: Der Konsensus lautet, wir haben nicht die geringste Ahnung. Seine Vermutung: es ist eine relativ kürzliche Errungenschaft des Gehirns, ein Hack, um die Dinge zu erleichtern, effizienter zu gestalten. Aber dieses Selbst ist gefährdet, labil. Ist sein Funktionieren gestört, wird das Leben zur Hölle. Er erwähnt Julian Jaynes, der offenbar aktuell neu entdeckt wird.

Erinnere mich an das Buch einer Frau, die urplötzlich ihr Ichbewusstsein verlor und darunter massiv gelitten hat. Alle möglichen Psychologen und Psychiater konnten ihr nicht helfen, bis ihr endlich jemand den Tipp gab, sie habe ihr Ego und getrenntes Ich verloren, was Zeichen der Erleuchtung sei. Von da weg ging es ihr wieder besser, sie gab auch Vorträge und Seminare, starb dann aber bald an Krebs. Eine surreale Geschichte, erst recht vor diesem Hintergrund.

Video Fields bei SAND: YouTube / Artikel/Interview Quanta Mag

The Death of SpaceTime & Birth of Conscious Agents

 

Donald Hoffman erläutert am SAND-Kongress (Science and Non Duality) sein Konzept von Bewusstsein und Realität. Auf dem Podium diskutiert er zusammen mit Daniel Dennett und David Chalmers. Das ist ziemlich viel Prominenz und zeigt die Position von Hoffman an.

Kant hätte kein Wort verstanden, aber dem meisten wohl zugestimmt. Die Welt hinter der Wahrnehmung, wie sie Hoffman darstellt, entspricht weitgehend dem kantischen Noumenon. Eine Welt ohne Raum, Zeit, Kausalität und Substanz. All dies wird vom Verstand (Mind) erstellt. Auch Schelling wäre zufrieden, sieht er doch Bewusstsein als Eigenheit aller Elemente, von den einfachsten Partikeln bis zum Menschen, natürlich in zunehmender Intensität. Für Schelling ist alles beseelt, was wohl auf das gleiche herauskommt wie die bewussten Agents von Hoffman. Auch Hume könnte vielem zustimmen. Die Kausalität in der von uns wahrgenommenen Realität gibt es nicht. Was wir sehen ist die Benutzeroberfläche, die Objekte sind Symbole – wie Icons auf dem Bildschirm. Auf dieser symbolischen Ebene gibt es keine kausalen Beziehungen, das spielt sich in der von uns nicht wahrnehmbaren Welt hinter der Erfahrung ab. Das hat vor 20 Jahren oder so auch schon Noerretranders gesagt.

Schwieriger zu verstehen ist Hoffmans mathematische Abbildung des Bewusstseins. Das Zusammenführen von Bewusstsein und Mathematik mag realitätsfremd und vielleicht absurd sein, es hat zumindest eine gewisse Faszination.

Dennett hat keine Freude, fragt sich, weshalb Hoffman diesen Weg gewählt hat (abgekommen vom richtigen, offenbar) und stellt seine Position kurz zusammengefasst dar. Bewusstsein ist ein Pseudoproblem, der Begriff des Hard Problems ist für ihn ein Djingle, ein endlos wiederholter Slogan, ohne Inhalt. Bewusstsein ist die Wahrnehmung unserer Gehirnaktivität. Punkt. Kein Geheimnis, nichts Aufregendes.

Am gleichen Kongress ist Spira dabei. Er kommt ohne die “Welt an sich” hinter der Wahrnehmung aus. Die andere Extremposition bezogen auf Dennett, für den es als überzeugten Monisten auch nur eine Ebene der Realität gibt, die materielle. Allerdings liesse sich Hoffman mit Spira “versöhnen”, denn auch Spira anerkennt die Aktivität des Mind als aktiv tätiges Bewusstsein. Und Hoffman sagt sogar, all there is is consciousness.

Wo mir Hoffman am meisten in die Quere kommt ist sein ungebremster Darwinismus. Er gehört fest zu seinem Konzept. Interessant aber irgendwie jenseits meines Verständnisses die Interpretation des Raums als risikominimierender Code.

Youtube mit Diskussion

Von Spira zu Dennett

 

Heute, am Ostermontag, zwischen Büro aufräumen, Zahlungen machen, Blog aktualisieren, zwei lange YouTube Videos angesehen. “The Nature of Consciousness” von Rupert Spira von der Science and Nonduality Tagung im Januar und der Google Talk von Daniel Dennett “From Bacteria to Bach and Back”.

Die Ausgangspunkte der beiden Referate könnten nicht weiter auseinanderliegen. Der Idealist Spira und der Materialist Dennett. Für Spira gibt es nur Bewusstsein, für Dennett nur Materie. Aber beide sind sie Monisten – in extremis. Und sie beginnen und enden an den entgegengesetzten Enden des epistemologischen Spektrums: Für Spira ist Bewusstsein der Ausgangspunkt allen Lebens, für Dennett ist Mind die allerletzte Entwicklung biologischen Lebens auf dem Planeten Erde.

Spira gibt einen hervorragenden Einstieg in seine Philosophie und Dennett beschäftigt sich mit der Frage nach dem Zusammenspiel von Kompetenz und Verstand. Ebenfalls höchst sehenswert. Bedenkenswert seine Vorschläge für die Anwendung Künstlicher Intelligenz, die nicht mehr aufzuhalten ist. Da die Resultate der  Deep Mind Software nicht nachvollziehbar sind, haben die Anwender der Software dafür die volle Verantwortung zu übernehmen.

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Chaudhuri über Vedanta

Nirad Chaudhuri  hat in seiner “Circe” eine Interpretation von Vedanta (resp. Advaita) gegeben, die allen europäischen Interpretationen seit Schopenhauer diametral oder schlimmer, völlig abseitig entgegensteht.

Er stellt die spirituelle Bedeutung der bei uns so hoch geschätzten indischen Philosophie seit den Veden für Indien selber in Frage, die anstelle der erhofften Erleuchtung, wie sie im Westen so sehr ersehnt wird, nur als Weg zur Auslöschung, ohne jede spirituelle Überhöhung, verstanden werden könne.

Im Folgenden eine Auswahl von Zitaten aus “The Continent of Circe”. Mehr dazu im verlinkten PDF.


Nothing, to my thinking, makes the movement of the Hindu mind from the bodily suffering to the pessimistic philosophies dearer than the story of Buddhism, the first philosophy of sorrow to appear in the existence of the Hindus. Siddharta, according to the well-known legend., went out on pleasure excursions, and one after another saw a man bent with age, another stricken by malady, and a third borne on a bier. These sight weighed on his mind as a terrible nightmare until, going out a fourth time, he saw a man with a shaven head, and wearing clothes dyed with red ochre, walking along calmly. He was so struck by the bearing and countenance of this man, that he went up to him and asked who and what he was. The man replied that he was a mendicant who had left the world and its ways, forsaken friends and home, and thus found deliverance. At last, Siddharta saw a way out of the fears which had haunted him in the previous weeks, and he also decided to leave the world.

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