Literaturkritik

Roman Bucheli in der NZZ:

In Zeiten eines halb selbstverschuldeten, halb von veränderten Voraussetzungen im Literaturbetrieb bedingten Relevanzverlusts der Kritik muss sie ihre Rolle neu erfinden. Wie diese Rolle aussehen könnte, hat der Schriftsteller Rainald Goetz einmal in unnachahmlicher Weise beschrieben: «Kunst haut einen um, Kritik bringt einen zum Denken.»

Wenn man wahre Sätze daran erkennt, dass auch ihr Gegenteil zutrifft, dann steht die Wahrheit dieser Formulierung fest. Kunst und Kritik hauen um – und bringen einen zum Denken. Das darf man getrost auch in den Imperativ setzen: Kritik soll umhauen und zum Denken bringen – oder sie ist nicht.

Nur wenn das gelingt, wird die Kritik wieder zu einem Genre, das nicht allein Orientierung in der Unübersichtlichkeit der Neuerscheinungen verspricht, das nicht nur Kaufempfehlungen formuliert, das nicht nur über ästhetisch Gelungenes oder Misslungenes urteilt. Die Kritik findet dann wieder zu eigener intellektueller Kraft. Indem sie über die Geister spricht, die in einem Werk walten – oder eben nicht walten. Indem sie sich selbst abverlangt, was sie von Büchern fordert: dass sie zum Denken anstiften und verführen.

Der wichtige Satz lautet: Wenn man wahre Sätze daran erkennt, dass auch ihr Gegenteil zutrifft, dann …. Der Rest ist unerheblich. Dieser Relativismus hat mich schon immer verfolgt. Und die wahren Sätze sind umso polarer, je tiefer sie greifen.

Noch eine Bemerkung zum Artikel Bucheli. Er geht nicht ein auf die Kunstkritik, die noch weit mehr in der Krise steckt als die Literaturkritik. Sie existiert sozusagen nicht mehr. Das hat mit dem Ende der Kunst in den 80er Jahren zu tun, welche die Tradition vergass, Qualitätskriterien über Bord warf und in einen makabren Individualismus verfiel. Ohne Qualitätskriterien gibt es auch keine Beurteilung und keine Kritik. Es gibt nur noch kruden Psychologismus und Spurensuche nach der seelischen Verfassung des Kunstherstellers. Doch wen soll das interessieren?

Apropos Ende der Kunst: S. dazu die Arbeit von Danto.

NZZ

Sloterdijk: Luther und die Folgen

Peter SloterdijkPeter SloterdijkPeter Sloterdijk

In der NZZ am Samstag ein aussergewöhnlich langer Artikel von Sloterdijk über Luther und vieles andere mehr. Drei ganze Zeitungsseiten. Es beginnt mit den Folgen der lutherischen Bibelübersetzung für die deutsche Sprache. S. zählt dazu das Abendlied von Matthias Claudius:

Um 1778 verfasste der Pfarrerssohn Matthias Claudius, vermutlich in Wandsbek bei Hamburg, möglicherweise schon etwas früher in Darmstadt, jenes «Abendlied», dem man aufgrund seiner Bekanntheit und Eingängigkeit ohne weiteres den Titel einer intimen Nationalhymne zusprechen könnte. Ein Vierteljahrtausend nach Luther ging der Mond hierzulande anders auf als im Rest der Welt.

«Der Mond ist aufgegangen,
Die goldnen Sternlein prangen
Am Himmel hell und klar.
Der Wald steht schwarz und schweiget
Und aus den Wiesen steiget
Der weisse Nebel wunderbar.»

Dass Wiesen die Begabung haben zu lachen, war schon den römischen Rednern kein Geheimnis. Doch dass sich Wälder in Schwärze hüllen und ein Schweigen üben, das auf den folgenden Tag abfärbt, das musste auf deutschem Boden gesagt werden, eintausendfünfhundert Jahre nach Quintilian.

Mit Luther wird das Verhältnis von Mensch zu Gott neu definiert.

Luthers Emanzipation der Gott-unmittelbaren Seele war zu ihrer Zeit alles andere als eine kühne Neuerung. Vor ihm hatte seit Jahrhunderten ein Rumoren in den Rüstkammern der Dogmatik dafür gesorgt, dass zwischen dem Absoluten und den Einzelnen kürzere Verbindungen erwogen wurden. Luther profitierte von den Effekten der «Mystik», die seit gut zweihundert Jahren die alteuropäischen Seelenwelten animierte, um zwischen Innerlichkeiten und Äusserlichkeiten amiable Lösungen zu entwickeln. Luthers spezifische Diskretion erwies sich darin, dass er den direkten Schluss zwischen dem Ich und dem All vermied. Von der Mystik inspiriert, misstraute er der mystischen Übereilung. Ihm kam es darauf an, die Schrift als Medium an die erste Stelle zu setzen, damit Gott und die Seele sich begegneten, ohne sich zu nahe zu kommen. Sola scriptura heisst die Devise, die den beiden anderen Absoluta vorgeordnet bleibt: Allein durch die Gnade kann gerettet werden, wer die gute Nachricht rezipiert. Allein durch den Glauben wird geschützt, wer sich ausschliesslich von der Schrift leiten lässt.

Schliesslich die Frage der Auserwähltheit resp. des Ausgestossenseins

Die heutigen Europäer und ihre transatlantischen Epigonen geben sich in der Regel keine Rechenschaft darüber, dass sie bis heute unter den Nachwirkungen eines spirituellen Hiroshima existieren. Dieses hatte sich im Jahr 397 auf nordafrikanischem Boden ereignet, als Augustinus ein Schreiben an einen gebildeten Mailänder namens Simplizianus verfasste, in welchem er auf dessen Fragen nach einigen unklaren Bibel-Stellen Auskunft gab, namentlich auf Fragen nach der Gerechtigkeit Gottes angesichts seiner unverkennbaren Bevorzugung von Geliebten auf Kosten von Ungeliebten. Das Dokument beweist, wie das Auf-peinliche-Fragen-antworten-Müssen den Antwortgeber in den Extremismus treiben kann.

Augustins Brief an Simplizian stellt einen Sprechakt vor, der im Namen des metaphysischen Schreckens redet. Mit ihm stürzt sich Augustinus sehenden Auges in den Abgrund, indem er Gott die Ehre erweist, menschlicherseits völlig unbegreiflich zu werden. (…)

Wer das Movens des Protestantismus aus Nachklang-Effekten, rückwirkenden wie vorauswirkenden, zu begreifen versucht, muss wohl oder übel bei der augustinischen Verteidigung von Gottes Selektivität ansetzen. In ihr verbirgt sich eines der bestgehüteten Kirchengeheimnisse: Tatsächlich ist die Lehre vom Heil von Anfang an extremistisch und oligologisch verfasst: Die Selektionskaskade ist evident und reicht weit zurück: Das Heil kommt von den Juden, die ihrerseits schon die oligoi unter den Völkern verkörperten. Im Judentum selbst bildet sich immer wieder ein Rest aus treuen wenigen gegenüber den unterwegs verlorenen vielen; das paulinische Christentum zieht diese Kreise weiter, um nun auch die prädisponierten wenigen aus den vielen der Fremdvölker einbeziehen zu können. Wer Paulus und Augustinus liest, erfährt etwas über Vorgänge in Gott, die den gewöhnlichen Gottesfreund verlegen machen.

Was tut denn Gott, wenn er vor aller Existenz beschliesst, wie ein Operndirektor im Absoluten mit den stärksten Kontrasten zu arbeiten?
Auch Luther versteht noch sehr gut, dass Neutralität eine heidnische Qualität darstellt. Sie bedeutet die natürliche Atmosphäre des Polytheismus. Im Parteiensystem der Götter war stets auf Ausgleich hinzuwirken. Im Monotheismus gilt das Gesetz des Ja und Nein. Für den Protestantismus ist durch die Schrift ein Drittes gegeben. Schützt sie auch vor, ein reines Ja zu sagen, gewährt sie, weil auf Auslegung angewiesen, dem Nein so viel Raum, dass Drittes intervenieren kann. In dem bewegt sich der wittenbergische Widerspruch zum römischen Diktat.

Sloterdijk