Maria Netter

Ich war knapp dreissig, sie knapp 60 als ich sie kennenlernte. Ich junger Redaktor der Schweizerischen Finanzzeitung, sie bekannte und brotlose Kunstkritikerin. Knapp zehn Jahre arbeiteten wir zusammen.

Es war mehr als Arbeit. Zwei, drei Mal pro Monat gingen wir in die Kunsthalle, machten gemeinsame Kunst-Reisen nach Berlin, Paris, Stuttgart und an die Documenta in Kassel. Selbst Ferien verbrachten wir gemeinsam in Marina die Massa in der Toscana. im Hotel Nedy, damals bekannt unter Schweizer Medien-Intellektuellen dank hervorragender Küche.

Wir diskutierten unentwegt über Kunst und Welt, doch offenbar kaum oder gar nichts Privates. Dass sie nicht Baslerin war, sie sprach das beste Baseldeutsch das ich bis anhin gehört hatte – samt Bodeduech und Badstube – wäre mir nie in den Sinn gekommen. Aber sie war von Geburt Berliner Jüdin, vor dem Krieg zum Studium nach Basel gekommen, konvertierte und befasste sich fortan mit Kunst. Nichts von alledem kam jemals zur Sprache, was vor Basel war.

Das Buch zeigt Netter als hervorragende Kunstkritikerin und ich bin überrascht von der Qualität der Beiträge, soweit sie hier abgedruckt oder zitiert werden. Nur nebenher und kurz wird auf ihre Arbeit als Kunstmarkt-Expertin hingewiesen. Die Finanz-Zeitung wird erwähnt, aber wenig Substanzielles dazu gesagt. Schade.

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100 Jahre Ella Fitzgerald

Bildergebnis für ella fitzgerald

In 1958, Frank Sinatra recorded Billy Strayhorn’s classic torch song “Lush Life”—or, rather, he attempted to. He got about halfway through it when he, in 21st-century speak, “pivoted” and decided, he declared loudly, to “put that one aside for about a year!” Upon hearing the incomplete take, one can only concur with the Chairman’s decision: This is far from a lost Sinatra masterpiece. Rather, it’s a lost Sinatra mistake.

Conversely, Ella Fitzgerald made three important recordings of “Lush Life” in three very different contexts: in 1957 with pianist Oscar Peterson, in 1973 with guitarist Joe Pass, and on a 1968 TV special with Duke Ellington —Strayhorn’s mentor and key collaborator—accompanying her on piano. Or was he? Careful analysis of the videotape by professional pianists reveals that even though it’s Duke on camera, the soundtrack accompaniment is probably actually being played by her regular accompanist at the time, Jimmy Jones.

Clearly, neither Sinatra nor Ellington was comfortable with “Lush Life”—even though Sinatra had sung many songs that were just as musically difficult (and intimately personal), and Ellington was closer to Strayhorn than anyone; he, of all people, should have been willing and able to play it.

Zum Artikel im WJS: Auf Spotify wird bei der Aufnahme oben als Pianist Oscar Peterson angegeben. Auf dem dazugehörigen Plattencover ist Duke Ellington abgebildet, und der wahre Pianist ist nun möglicherweise Jimmy Jones. Egal. Traumhafte Aufnahme.

WSJ

Chris Fields: Ego, Selbst, Separate Self, etc.

imageBeing a self – being one’s own self, in particular – is the most familiar of all experiences. Indeed it is one’s self that is experienced as having one’s experiences: one’s sensations, emotions, memories, feelings of agency, feelings of thinking, deciding and acting, the very feeling of existing. Philosophical traditions encourage us to know ourselves, but also to not take ourselves too seriously and to not get too caught up with the wanting, thinking, deciding and acting „ego“ part of the self. But what is this self experience, why do we have it, and what happens if it starts to unravel? I’ll suggest that we should marvel at the experience of the self, and speculate as to why we have it.

Chris Fields is an interdisciplinary information scientist interested in both the physics and the cognitive neuroscience underlying the human perception of objects as spatially and temporally bounded entities. His current research focuses on deriving quantum theory from classical information theory; he also works on cell-cell communication and cellular information processing, the role of the „unconscious mind“ in creative problem solving, and early childhood development, particularly the etiology of autism-spectrum conditions.

He and his wife, author and yoga teacher Alison Tinsley, recently published Meditation: If You’re Doing It, You’re Doing It Right, in which they explore the experience of meditation with meditators from many walks of life. Dr. Fields has also been a volunteer firefighter, a visual artist, and a travel writer. He currently divides his time between Sonoma, CA and Caunes Minervois, a village in southwestern France.“

p. Es stellt sich die Frage, wie die von Advaita propagierte Ichlosigkeit, die Überwindung des getrennten Ichs damit zusammengeht. Wie erklärt sich die wissenschaftliche Community die Entstehung und das Funktionieren des Ichs, das alles möglich vereint – Empfindungen, Erinnerungen, Emotionen, Körperbewusstsein, sensorische Wahrnehmungen etc. Seine Antwort: Der Konsensus lautet, wir haben nicht die geringste Ahnung. Seine Vermutung: es ist eine relativ kürzliche Errungenschaft des Gehirns, ein Hack, um die Dinge zu erleichtern, effizienter zu gestalten. Aber dieses Selbst ist gefährdet, labil. Ist sein Funktionieren gestört, wird das Leben zur Hölle. Er erwähnt Julian Jaynes, der offenbar aktuell neu entdeckt wird.

Erinnere mich an das Buch einer Frau, die urplötzlich ihr Ichbewusstsein verlor und darunter massiv gelitten hat. Alle möglichen Psychologen und Psychiater konnten ihr nicht helfen, bis ihr endlich jemand den Tipp gab, sie habe ihr Ego und getrenntes Ich verloren, was Zeichen der Erleuchtung sei. Von da weg ging es ihr wieder besser, sie gab auch Vorträge und Seminare, starb dann aber bald an Krebs. Eine surreale Geschichte, erst recht vor diesem Hintergrund.

Video Fields bei SAND: YouTube / Artikel/Interview Quanta Mag

Tim Parks

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Seit wieviel Jahren lese ich die Bücher und Blog Posts von Parks? Schätze ungefähr 6 oder 7 Jahre. Es begann mit seinen italienischen Erfahrungen als junger Ehemann in Verona, mit einer italienischen Frau, Kinder, die in italienische Schulen gingen und so weiter. Dann sein Buch über die italienischen Eisenbahnen und seine Erfahrungen als Passagier in italienischen Eisenbahnen. Man kann hier überall enorm viel über Italien und die Italiener lesen. Parks, bei aller Schärfe der Beobachtung von allerlei Idiosynkratischem und auch Hinterhältigem bleibt immer fair, immer freundlich. Eine angenehme, unaufdringliche Toleranz, Menschlichkeit. Nie ist er anbiedernd.

Dann kam “Teach us to be Still”, sein im Deutschen Sprachraum wohl grösser Erfolg. Seine Blasenprobleme, die keine Prostataprobleme waren, überhaupt nicht primär körperlich, wiewohl sie sich in schlimmster Form körperlich äusserten. Parks beschreibt seine Symptome präziser, als man sie als Mann insbesondere lesen möchte. Er wird geheilt, weitgehend, wie es scheint, als er zufällig auf die buddhistische Meditation, Vipassana, stösst. Langsam löst sich seine pelvische Verkrampfung, er kann wieder ein normales Leben führen.

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Das Kekulé -Problem

Ähnliches FotoUnterbewusste hat offenbar stark an Faszination eingebüsst. Man fragt sich, ob es dereinst bewusste Maschinen geben wird. Ob diese auch ein Un- oder Unterbewusstes haben werden, auf die Frage scheint noch niemand gekommen zu sein. Cormag McCarthy ist auf Nautilus  dem Unterbewussten  nachgegangen, und welche Rolle die Sprache spielt.

Kekulé hat die Form des Benzol-Rings entdeckt, im Schlaf während eines Traums, in Form des Uroburos, der Schlange, die sich in den Schwanz beisst. Da war das Unterbewusste aktiv, aber es hat sich nicht mit einer sprachlichen Aussage gemeldet, sondern mit einem Bild, einem Symbol. Das ist typisch für das Unterbewusste, schreibt McCarthy. Es habe nämlich eine Abneigung gegen Sprache, die ihm aufgepfropft wurde. Zudem ist die Sprache kein evolutionäres Produkt, sondern eine Erfindung. Warum aber das UB die Sprache nicht benützt, ist das eigentliche K-Problem. Zur Sprache schreibt er: 

The sort of isolation that gave us tall and short and light and dark and other variations in our species was no protection against the advance of language. It crossed mountains and oceans as if they werent there. Did it meet some need? No. The other five thousand plus mammals among us do fine without it. But useful? Oh yes. We might further point out that when it arrived it had no place to go. The brain was not expecting it and had made no plans for its arrival. It simply invaded those areas of the brain that were the least dedicated. I suggested once in conversation at the Santa Fe Institute that language had acted very much like a parasitic invasion and David Krakauer—our president—said that the same idea had occurred to him. Which pleased me a good deal because David is very smart. This is not to say of course that the human brain was not in any way structured for the reception of language. Where else would it go? If nothing else we have the evidence of history. The difference between the history of a virus and that of language is that the virus has arrived by way of Darwinian selection and language has not. The virus comes nicely machined. Offer it up. Turn it slightly. Push it in. Click. Nice fit. But the scrap heap will be found to contain any number of viruses that did not fit.

Das Kekulé-Problem hat McCarthy übrigens auch gelöst.

I’d been thinking about the Kekulé problem off and on for a couple of years without making much progress. Then one morning after George Zweig and I had had one of our ten hour lunches I came down in the morning with the wastebasket from my bedroom and as I was emptying it into the kitchen trash I suddenly knew the answer. Or I knew that I knew the answer. It took me a minute or so to put it together. I reflected that while George and I had spent the first couple of hours at cognition and neuroscience we had not talked about Kekulé and the problem. But something in our conversation might very well have triggered our reflections—mine and those of the Night Shift—on this issue. The answer of course is simple once you know it. The unconscious is just not used to giving verbal instructions and is not happy doing so. Habits of two million years duration are hard to break. When later I told George what I’d come up with he mulled it over for a minute or so and then nodded and said: “That sounds about right.” Which pleased me a good deal because George is very smart.

Artikel Nautilus

The Death of SpaceTime & Birth of Conscious Agents

 

Donald Hoffman erläutert am SAND-Kongress (Science and Non Duality) sein Konzept von Bewusstsein und Realität. Auf dem Podium diskutiert er zusammen mit Daniel Dennett und David Chalmers. Das ist ziemlich viel Prominenz und zeigt die Position von Hoffman an.

Kant hätte kein Wort verstanden, aber dem meisten wohl zugestimmt. Die Welt hinter der Wahrnehmung, wie sie Hoffman darstellt, entspricht weitgehend dem kantischen Noumenon. Eine Welt ohne Raum, Zeit, Kausalität und Substanz. All dies wird vom Verstand (Mind) erstellt. Auch Schelling wäre zufrieden, sieht er doch Bewusstsein als Eigenheit aller Elemente, von den einfachsten Partikeln bis zum Menschen, natürlich in zunehmender Intensität. Für Schelling ist alles beseelt, was wohl auf das gleiche herauskommt wie die bewussten Agents von Hoffman. Auch Hume könnte vielem zustimmen. Die Kausalität in der von uns wahrgenommenen Realität gibt es nicht. Was wir sehen ist die Benutzeroberfläche, die Objekte sind Symbole – wie Icons auf dem Bildschirm. Auf dieser symbolischen Ebene gibt es keine kausalen Beziehungen, das spielt sich in der von uns nicht wahrnehmbaren Welt hinter der Erfahrung ab. Das hat vor 20 Jahren oder so auch schon Noerretranders gesagt.

Schwieriger zu verstehen ist Hoffmans mathematische Abbildung des Bewusstseins. Das Zusammenführen von Bewusstsein und Mathematik mag realitätsfremd und vielleicht absurd sein, es hat zumindest eine gewisse Faszination.

Dennett hat keine Freude, fragt sich, weshalb Hoffman diesen Weg gewählt hat (abgekommen vom richtigen, offenbar) und stellt seine Position kurz zusammengefasst dar. Bewusstsein ist ein Pseudoproblem, der Begriff des Hard Problems ist für ihn ein Djingle, ein endlos wiederholter Slogan, ohne Inhalt. Bewusstsein ist die Wahrnehmung unserer Gehirnaktivität. Punkt. Kein Geheimnis, nichts Aufregendes.

Am gleichen Kongress ist Spira dabei. Er kommt ohne die “Welt an sich” hinter der Wahrnehmung aus. Die andere Extremposition bezogen auf Dennett, für den es als überzeugten Monisten auch nur eine Ebene der Realität gibt, die materielle. Allerdings liesse sich Hoffman mit Spira “versöhnen”, denn auch Spira anerkennt die Aktivität des Mind als aktiv tätiges Bewusstsein. Und Hoffman sagt sogar, all there is is consciousness.

Wo mir Hoffman am meisten in die Quere kommt ist sein ungebremster Darwinismus. Er gehört fest zu seinem Konzept. Interessant aber irgendwie jenseits meines Verständnisses die Interpretation des Raums als risikominimierender Code.

Youtube mit Diskussion

Von Spira zu Dennett

 

Heute, am Ostermontag, zwischen Büro aufräumen, Zahlungen machen, Blog aktualisieren, zwei lange YouTube Videos angesehen. “The Nature of Consciousness” von Rupert Spira von der Science and Nonduality Tagung im Januar und der Google Talk von Daniel Dennett “From Bacteria to Bach and Back”.

Die Ausgangspunkte der beiden Referate könnten nicht weiter auseinanderliegen. Der Idealist Spira und der Materialist Dennett. Für Spira gibt es nur Bewusstsein, für Dennett nur Materie. Aber beide sind sie Monisten – in extremis. Und sie beginnen und enden an den entgegengesetzten Enden des epistemologischen Spektrums: Für Spira ist Bewusstsein der Ausgangspunkt allen Lebens, für Dennett ist Mind die allerletzte Entwicklung biologischen Lebens auf dem Planeten Erde.

Spira gibt einen hervorragenden Einstieg in seine Philosophie und Dennett beschäftigt sich mit der Frage nach dem Zusammenspiel von Kompetenz und Verstand. Ebenfalls höchst sehenswert. Bedenkenswert seine Vorschläge für die Anwendung Künstlicher Intelligenz, die nicht mehr aufzuhalten ist. Da die Resultate der  Deep Mind Software nicht nachvollziehbar sind, haben die Anwender der Software dafür die volle Verantwortung zu übernehmen.

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