Tim Parks

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Seit wieviel Jahren lese ich die Bücher und Blog Posts von Parks? Schätze ungefähr 6 oder 7 Jahre. Es begann mit seinen italienischen Erfahrungen als junger Ehemann in Verona, mit einer italienischen Frau, Kinder, die in italienische Schulen gingen und so weiter. Dann sein Buch über die italienischen Eisenbahnen und seine Erfahrungen als Passagier in italienischen Eisenbahnen. Man kann hier überall enorm viel über Italien und die Italiener lesen. Parks, bei aller Schärfe der Beobachtung von allerlei Idiosynkratischem und auch Hinterhältigem bleibt immer fair, immer freundlich. Eine angenehme, unaufdringliche Toleranz, Menschlichkeit. Nie ist er anbiedernd.

Dann kam “Teach us to be Still”, sein im Deutschen Sprachraum wohl grösser Erfolg. Seine Blasenprobleme, die keine Prostataprobleme waren, überhaupt nicht primär körperlich, wiewohl sie sich in schlimmster Form körperlich äusserten. Parks beschreibt seine Symptome präziser, als man sie als Mann insbesondere lesen möchte. Er wird geheilt, weitgehend, wie es scheint, als er zufällig auf die buddhistische Meditation, Vipassana, stösst. Langsam löst sich seine pelvische Verkrampfung, er kann wieder ein normales Leben führen.

Wir wissen, er lebt mit seiner Frau in Verona, hat drei oder vier Kinder, unterrichtet Uebersetzungslehre an einer Uni in Mailand, schreibt ungeheuer viel. Jedes Jahr einen neuen Roman und jeden Monat mindestens einen grösseren Blogbeitrag in der NYRB oder der LRB, dazu Artikel im Guardian und in der NYT. YouTube Videos zeigen einen lebhaften, sympathischen, intelligenten Mann mittleren bis fortgeschrittenen Alters.

Dann lese ich, jetzt wohne er in Mailand. Und in einem NYRB Blog beschreibt er seine Arbeitsroutine. Er teilt einen Arbeitsraum – nicht mir seiner Frau, sondern offenbar einer Freundin.

Das Thema seiner Blase erscheint in seinem neuesten Buch “In Extremis” wieder auf und ganz zu Beginn wird er, der als Roman-Autor in Holland vor Physiotherapeuten spricht, gefragt, ob seine Blase- und damit verbundenen sexuellen Probleme seine Ehe belastet hätten. Der Protagonist, ein in Spanien lebender, schottischer Romanautor, gibt schliesslich zu, er habe seine Frau verlassen, oder auch sie ihn. Wie auch immer.

Man ist geneigt, das Romangeschehen auf die reale Person Parks zu beziehen. Das Thema von privatem Leben und Schriftstellerei hat er schon in diversen Posts beschrieben. Ich ziehe den Schluss: er ist von seiner italienischen Frau getrennt oder geschieden.

Warum bin ich enttäuscht von ihm? Ich hatte ein Bild von ihm, das stimmt jetzt nicht mehr, war vielleicht schon immer falsch. Ich hätte ihn gerne getroffen, jetzt nicht mehr. Ist es falsch sich so ein Bild zu machen? Interessiert mich eigentlich nicht. Ich erlaube es mir und werde davon nicht abgehen.

Borges hat den wunderschönen und einprägsamen Satz gesagt: Lesen ist Denken mit fremdem Gehirn. Man geht in den hunderten von Seiten, die man von einem Autor liest, tief in sein Gehirn ein. Man möchte, dass der Mann oder die Frau, die es trägt, seinen Wünschen entspricht. Auch wenn dies falsch, unfair, naiv oder was auch immer sei. Ich will keine Bücher von Idioten lesen. Das ist er nun sicher nicht. Aber das Bild hat gelitten.

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