Maria Netter

Ich war knapp dreissig, sie knapp 60 als ich sie kennenlernte. Ich junger Redaktor der Schweizerischen Finanzzeitung, sie bekannte und brotlose Kunstkritikerin. Knapp zehn Jahre arbeiteten wir zusammen.

Es war mehr als Arbeit. Zwei, drei Mal pro Monat gingen wir in die Kunsthalle, machten gemeinsame Kunst-Reisen nach Berlin, Paris, Stuttgart und an die Documenta in Kassel. Selbst Ferien verbrachten wir gemeinsam in Marina die Massa in der Toscana. im Hotel Nedy, damals bekannt unter Schweizer Medien-Intellektuellen dank hervorragender Küche.

Wir diskutierten unentwegt über Kunst und Welt, doch offenbar kaum oder gar nichts Privates. Dass sie nicht Baslerin war, sie sprach das beste Baseldeutsch das ich bis anhin gehört hatte – samt Bodeduech und Badstube – wäre mir nie in den Sinn gekommen. Aber sie war von Geburt Berliner Jüdin, vor dem Krieg zum Studium nach Basel gekommen, konvertierte und befasste sich fortan mit Kunst. Nichts von alledem kam jemals zur Sprache, was vor Basel war.

Das Buch zeigt Netter als hervorragende Kunstkritikerin und ich bin überrascht von der Qualität der Beiträge, soweit sie hier abgedruckt oder zitiert werden. Nur nebenher und kurz wird auf ihre Arbeit als Kunstmarkt-Expertin hingewiesen. Die Finanz-Zeitung wird erwähnt, aber wenig Substanzielles dazu gesagt. Schade.

Mit Rudolf Koella , einem der Autoren, hatte ich lange vor Erscheinen des Buchs Kontakt und habe meine Mitarbeit angeboten. Er hat sich bedankt und angekündigt, mich wieder zu kontaktieren. Es ist nicht geschehen. So bleibt die Person Netters in dem Buch letztlich undeutlich, idealisiert. Kein Wort darüber, dass sie ihre letzten Jahre in ausgesprochener Armut verbrachte und nur dank der finanziellen Hilfe ihrer „Zürcher“ Freunde überhaupt existieren konnte ohne Gang aufs Sozialamt.

Wenn es je eine „Rostlaube“ gab auf unseren Strassen, dann war es ihr Simca. Der Zustand des Lacks wird bei Menschen als Psoriasis bezeichnet. Nie zuvor oder später habe ich je Ähnliches gesehen. Aber das war ihr ziemlich egal.

Vielleicht wäre auch ein Wort zum Zustand ihrer Wohnung im Dalbeloch angemessen gewesen, oder vielleicht doch besser nicht. Nur wenigen war es erlaubt, in ihre Wohnung einzutreten. Den Begriff des Messi hatte sie mit Perfektion realisiert. Unfähig, auch nur einen ihrer Hunderten von Auktionskatalogen, Zeitungsausschnitten, Büchern etc. wegzuwerfen, war die gesamte Wohnung bis auf eine Höhe von ca. 1m 50 mit Papier angefüllt. Vom Eingang zur Küche (gleichzeitig Badstube) und von dort zur Schlafstube und zur Wohnstube führten nur schmale Fusswege von ca. 50 cm Breite. Ein Tisch, ein Stuhl, etwas Raum, um den Kasten zu öffnen, das war alles, was nicht von Grund auf mit Papier – Paperasse – angefüllt war.

Auch das alles, nie Thema, es drehte sich alles um Kunst in allen Formen, viele grossartige Stunden.

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