Chaudhuri über Vedanta

Nirad Chaudhuri  hat in seiner “Circe” eine Interpretation von Vedanta (resp. Advaita) gegeben, die allen europäischen Interpretationen seit Schopenhauer diametral oder schlimmer, völlig abseitig entgegensteht.

Er stellt die spirituelle Bedeutung der bei uns so hoch geschätzten indischen Philosophie seit den Veden für Indien selber in Frage, die anstelle der erhofften Erleuchtung, wie sie im Westen so sehr ersehnt wird, nur als Weg zur Auslöschung, ohne jede spirituelle Überhöhung, verstanden werden könne.

Im Folgenden eine Auswahl von Zitaten aus “The Continent of Circe”. Mehr dazu im verlinkten PDF.


Nothing, to my thinking, makes the movement of the Hindu mind from the bodily suffering to the pessimistic philosophies dearer than the story of Buddhism, the first philosophy of sorrow to appear in the existence of the Hindus. Siddharta, according to the well-known legend., went out on pleasure excursions, and one after another saw a man bent with age, another stricken by malady, and a third borne on a bier. These sight weighed on his mind as a terrible nightmare until, going out a fourth time, he saw a man with a shaven head, and wearing clothes dyed with red ochre, walking along calmly. He was so struck by the bearing and countenance of this man, that he went up to him and asked who and what he was. The man replied that he was a mendicant who had left the world and its ways, forsaken friends and home, and thus found deliverance. At last, Siddharta saw a way out of the fears which had haunted him in the previous weeks, and he also decided to leave the world.

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Thinking Fast and Slow

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Daniel Kahnemann entwickelt in seinem Buch einen Strauss bemerkenswerter Ideen. Hier habe ich seine Ueberlegungen zum Thema “Remembering Self” und “Experiencing Self” in Zitaten zusammengefasst. Dahinter steht die Rolle der Narration, der Erzählung, die wir zu jeder Erfahrung abgeben. Sie wird ausgelöst durch die Erfahrung und färbt sie gleichzeitig ein. Sie ist Teil des kognitiven Prozesses, unverzichtbar und unvermeidlich, und sie ist gefährlich. Wenigstens solange sie nicht bewusst wahrgenommen wird, scheint mir. Und sie wird wohl nur selten falls überhaupt wahrgenommen und dann als zwingend und nicht als beliebig und manipuliert resp. manipulierbar erfahren. Was Kahnemann nicht sieht oder nicht ausspricht: hier könnte ein entscheidender Schritt zur Freiheit des Seins vorliegen.

Immerhin klingt bei ihm Kritik an der gängigen Einstellung an, dass der Erinnerung weit grösseren Wert beigemessen wird als der unmittelbaren Erfahrung.

Ein anderes Thema, das Kahnemann in diesem Kapitel anschneidet ist die Art und Weise, wie das Remembering Self in der Narration vorgeht. Entscheidend sind die Peak-Erfahrung und das Ende. Keine Rolle spielt die Dauer.

Harari nimmt viele dieser Ideen in seinem “Homo Deus” auf, um die Vorstellungen des rationalen, humanistischen Liberalismus zu zerlegen.


The Statistical analysis revealed two findings, which illustrate a pattern we have observed in other experiments:

· Peak-end rule: The global retrospective rating was well predicted by the average of the level of pain reported at the worst moment of the experience and at its end.

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Sloterdijk: Luther und die Folgen

Peter SloterdijkPeter SloterdijkPeter Sloterdijk

In der NZZ am Samstag ein aussergewöhnlich langer Artikel von Sloterdijk über Luther und vieles andere mehr. Drei ganze Zeitungsseiten. Es beginnt mit den Folgen der lutherischen Bibelübersetzung für die deutsche Sprache. S. zählt dazu das Abendlied von Matthias Claudius:

Um 1778 verfasste der Pfarrerssohn Matthias Claudius, vermutlich in Wandsbek bei Hamburg, möglicherweise schon etwas früher in Darmstadt, jenes «Abendlied», dem man aufgrund seiner Bekanntheit und Eingängigkeit ohne weiteres den Titel einer intimen Nationalhymne zusprechen könnte. Ein Vierteljahrtausend nach Luther ging der Mond hierzulande anders auf als im Rest der Welt.

«Der Mond ist aufgegangen,
Die goldnen Sternlein prangen
Am Himmel hell und klar.
Der Wald steht schwarz und schweiget
Und aus den Wiesen steiget
Der weisse Nebel wunderbar.»

Dass Wiesen die Begabung haben zu lachen, war schon den römischen Rednern kein Geheimnis. Doch dass sich Wälder in Schwärze hüllen und ein Schweigen üben, das auf den folgenden Tag abfärbt, das musste auf deutschem Boden gesagt werden, eintausendfünfhundert Jahre nach Quintilian.

Mit Luther wird das Verhältnis von Mensch zu Gott neu definiert.

Luthers Emanzipation der Gott-unmittelbaren Seele war zu ihrer Zeit alles andere als eine kühne Neuerung. Vor ihm hatte seit Jahrhunderten ein Rumoren in den Rüstkammern der Dogmatik dafür gesorgt, dass zwischen dem Absoluten und den Einzelnen kürzere Verbindungen erwogen wurden. Luther profitierte von den Effekten der «Mystik», die seit gut zweihundert Jahren die alteuropäischen Seelenwelten animierte, um zwischen Innerlichkeiten und Äusserlichkeiten amiable Lösungen zu entwickeln. Luthers spezifische Diskretion erwies sich darin, dass er den direkten Schluss zwischen dem Ich und dem All vermied. Von der Mystik inspiriert, misstraute er der mystischen Übereilung. Ihm kam es darauf an, die Schrift als Medium an die erste Stelle zu setzen, damit Gott und die Seele sich begegneten, ohne sich zu nahe zu kommen. Sola scriptura heisst die Devise, die den beiden anderen Absoluta vorgeordnet bleibt: Allein durch die Gnade kann gerettet werden, wer die gute Nachricht rezipiert. Allein durch den Glauben wird geschützt, wer sich ausschliesslich von der Schrift leiten lässt.

Schliesslich die Frage der Auserwähltheit resp. des Ausgestossenseins

Die heutigen Europäer und ihre transatlantischen Epigonen geben sich in der Regel keine Rechenschaft darüber, dass sie bis heute unter den Nachwirkungen eines spirituellen Hiroshima existieren. Dieses hatte sich im Jahr 397 auf nordafrikanischem Boden ereignet, als Augustinus ein Schreiben an einen gebildeten Mailänder namens Simplizianus verfasste, in welchem er auf dessen Fragen nach einigen unklaren Bibel-Stellen Auskunft gab, namentlich auf Fragen nach der Gerechtigkeit Gottes angesichts seiner unverkennbaren Bevorzugung von Geliebten auf Kosten von Ungeliebten. Das Dokument beweist, wie das Auf-peinliche-Fragen-antworten-Müssen den Antwortgeber in den Extremismus treiben kann.

Augustins Brief an Simplizian stellt einen Sprechakt vor, der im Namen des metaphysischen Schreckens redet. Mit ihm stürzt sich Augustinus sehenden Auges in den Abgrund, indem er Gott die Ehre erweist, menschlicherseits völlig unbegreiflich zu werden. (…)

Wer das Movens des Protestantismus aus Nachklang-Effekten, rückwirkenden wie vorauswirkenden, zu begreifen versucht, muss wohl oder übel bei der augustinischen Verteidigung von Gottes Selektivität ansetzen. In ihr verbirgt sich eines der bestgehüteten Kirchengeheimnisse: Tatsächlich ist die Lehre vom Heil von Anfang an extremistisch und oligologisch verfasst: Die Selektionskaskade ist evident und reicht weit zurück: Das Heil kommt von den Juden, die ihrerseits schon die oligoi unter den Völkern verkörperten. Im Judentum selbst bildet sich immer wieder ein Rest aus treuen wenigen gegenüber den unterwegs verlorenen vielen; das paulinische Christentum zieht diese Kreise weiter, um nun auch die prädisponierten wenigen aus den vielen der Fremdvölker einbeziehen zu können. Wer Paulus und Augustinus liest, erfährt etwas über Vorgänge in Gott, die den gewöhnlichen Gottesfreund verlegen machen.

Was tut denn Gott, wenn er vor aller Existenz beschliesst, wie ein Operndirektor im Absoluten mit den stärksten Kontrasten zu arbeiten?
Auch Luther versteht noch sehr gut, dass Neutralität eine heidnische Qualität darstellt. Sie bedeutet die natürliche Atmosphäre des Polytheismus. Im Parteiensystem der Götter war stets auf Ausgleich hinzuwirken. Im Monotheismus gilt das Gesetz des Ja und Nein. Für den Protestantismus ist durch die Schrift ein Drittes gegeben. Schützt sie auch vor, ein reines Ja zu sagen, gewährt sie, weil auf Auslegung angewiesen, dem Nein so viel Raum, dass Drittes intervenieren kann. In dem bewegt sich der wittenbergische Widerspruch zum römischen Diktat.

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